15. November 2015

Kalte Rache

Harriet Lane: 
Denn nichts bleibt vergessen 

Seit Gillian Flynns Gone Girl und Paula Hawkins' Girl on the Train habe ich ein Faible für Domestic Noir, ein neues Subgenre der Kriminalliteratur. Der Thrill liegt darin, dass sich etwas Ungutes und schließlich abgrundtief Böses in die angebliche Normalität der häuslichen Sphäre schleicht. Besonderen Anklang finden die Ehe- bzw. Beziehungsthriller, bei denen der weibliche Aspekt in Gestalt der Protagonistin in den Vordergrund gerückt wird. Unauffällige Psychopathinnen oder allzu perfekte Haus- oder Karrierefrauen, hinter deren äußerlich heiler heimischer Welt ein Abgrund lauert, bescheren den Lesern schlaflose Nächte. Dies liegt meines Erachtens vor allem an der augenscheinlichen Normalität des Settings, der Figuren und der Handlung, die uns zunächst nichts Ungewöhnliches vermuten lässt. Doch schnell erkennen wir als Leser, dass wir der erzählenden Figur nicht trauen können: Wir entlarven sie als verwirrte Trinkerin wie in Girl on the Train oder als psychisch instabile und krankhafte Perfektionistin wie in Die stille Frau von A. S. A. Harrison. Und es ist genau dieses unsichere, dunkle Terrain, auf das wir uns bei der Lektüre begeben und das so erschreckend und bedrohlich ist. Andererseits macht es aber auch den Reiz dieses speziellen Genres aus.

Ein weiteres Highlight des Domestic Noir

Harriet Lanes Denn nichts bleibt vergessen ist ein außergewöhnliches Highlight des Domestic Noir. Der Roman wird abwechselnd aus Sicht der beiden Hauptfiguren Nina Bremner und Emma Nash erzählt. Sie sind beide Anfang 40 und leben im Norden Londons. Doch das ist auch das Einzige, was sie gemeinsam haben. Nina ist eine erfolgreiche, sehr vermögende Malerin, die mit ihrem zweiten Mann Charles, einem Architekten, und ihrer fast erwachsenen Tochter aus erster Ehe, Sophie, in einem wunderschönen Haus lebt. Sie ist wort- und weltgewandt, stets nach dem neuesten Trend gekleidet und macht bei jedem Anlass eine gute Figur. Emmas Leben hingegen verläuft nicht in wohlgeordneten Bahnen. Sie ist mit Ben, einem mittelmäßigen TV-Mann, verheiratet und hat ihre vielversprechende Karriere beim Fernsehen für ihre Kinder Christopher und Cecily aufgegeben. Bei Emma und Ben ist das Geld ständig knapp, und ihr Haus ist dringend reparaturbedürftig. Als Hausfrau und Mutter fühlt sich Emma fremdbestimmt und wie eine Gefangene. Ihre Kinder haben in ihrem Leben absolute Priorität, ihre Bedürfnisse stellt sie hinten an. Ihre Unzufriedenheit belastet ihre ansonsten glückliche Ehe mit Ben, der alles versucht, um seine Karriere voranzutreiben und seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen.

Eine schicksalhafte Begegnung

Doch dann kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung der beiden Frauen. Nina hatte Emma zufällig bei ihren Einkäufen entdeckt und sie sofort wiedererkannt. Kurzzeitig hatte sie ihre gewohnte Contenance verloren und war aus dem Takt geraten, denn unschöne Erinnerungen, die wir als Leser noch nicht einordnen können, stiegen in ihr hoch. Nina erfüllt es nunmehr mit Genugtuung zu sehen, dass die einst so attraktive Emma nur noch ein Schatten ihrer selbst ist: Völlig überfordert und abgekämpft ist nicht mehr viel von der Frau übrig, die Nina einst kannte. Aber es reicht Nina nicht, Emma ausgelaugt und am Boden zu sehen, und so schmiedet sie einen Racheplan, der perfider nicht sein könnte: Sie zieht Emma, die vollauf mit ihren Kindern beschäftigt ist, beim Einkaufen das Portemonnaie aus der Tasche, nur um es ihr später dann als ehrliche Finderin zurückbringen zu können und Kontakt zu ihr zu erhalten. Emma erkennt Nina nicht und freut sich über die Aufmerksamkeit der Unbekannten, die so freundlich und hilfsbereit ist, denn in ihrer jetzigen Situation sehnt sie sich nach einer Freundin, mit der sie mal einen Kaffee trinken und sich aussprechen kann. Emma erkennt zwar, dass sie überhaupt nicht in die Welt der reichen, perfekten Nina passt und schämt sich auch ständig für ihr Aussehen und das Chaos in ihrem Leben.

Eine unentbehrliche Freundin?

Aber Nina scheint immer genau dann zur Stelle zu sein, wenn Emma Hilfe benötigt - so auch als Emmas kleiner Sohn Christopher plötzlich spurlos verschwindet. Emma ist mit den Nerven völlig am Ende und macht sich schwere Vorwürfe. Doch dann ist plötzlich ganz schnell wieder alles gut: Nina hatte die Polizei benachrichtigt und berichtet, der Kleine hätte vor ihrer Tür gegessen und mit ihrer Katze gespielt. Emma fällt ein Stein vom Herzen, als sie Christopher gesund und munter wieder in ihre Arme schließen kann und ist Nina unendlich dankbar. Was sie nicht weiß, ist, dass Nina Christopher, der auf seinem geliebten roten Roller unterwegs war und sich kurzzeitig ein kleines Stück von seiner Mutter entfernte, in einem von Emma unachtsamen Moment einfach mit zu sich nach Hause genommen hatte.

Während Emma nicht glücklicher sein könnte, eine so fürsorgliche und unentbehrliche Freundin gefunden zu haben, denkt sich Nina immer neue Boshaftigkeiten aus, um Emma zu schaden. Ben kommen erste Zweifel, doch Emma will die Bedenken ihres Mannes nicht hören. Als jedoch auch bei ihr endlich Erinnerungsfragmente aus der Vergangenheit hochkommen, ist es bereits zu spät, denn Nina hat sich vorgenommen, Emmas Leben vollständig zu zerstören...

Nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel

Nach dem ersten Kapitel dieses ungewöhnlichen Thrillers hatte ich auf jeder Seite ein ungutes Gefühl und konnte den Roman aufgrund der ständig präsenten unterschwelligen Spannung kaum aus der Hand legen. Ninas unaufgeregter, teuflischer Racheplan und Emmas Unbedarftheit stehen in einem ständigen Wechselspiel, das den Leser in Atem hält. Jedes Mal, wenn man denkt, dass sich das Blatt wendet oder Nina sich eines Besseren besinnt, offenbart sich ein weiterer bösartiger Schachzug bis schließlich im furiosen Finale alles eskaliert. Und so schleichend, wie sich die Handlung des Romans aufbaut, so völlig abrupt endet er - ohne Vorwarnung und ohne Ausweg. Der Leser bleibt mit einer grauenhaften Ahnung zurück, die sich nicht mehr verifizieren lässt. Alles in allem ist dieser Roman ein absolutes Leseerlebnis und sehr empfehlenswert.

Harriet Lane: Erfolgreiche Schriftstellerin trotz Handicap

Die englische Schriftstellerin Harriet Lane gibt nicht viel Privates von sich preis. Sie hat als Redakteurin für die renommierte Zeitung The Observer und die bekannte Zeitschrift Tatler gearbeitet und war darüber hinaus auch als freie Autorin für die Vogue, The Guardian und The Telegraph tätig.

Nachdem sie bereits vor einigen Jahren auf einem Auge erblindete, verliert sie nach und nach auch noch die Sehkraft auf ihrem zweiten Auge - ein herber Schicksalsschlag für die talentierte Autorin. Doch sie gibt nicht auf und will auch weiterhin Thriller schreiben. Einen großartigen Artikel der Autorin mit dem Titel On Her Blindness über ihre ganz spezielle Situation findet ihr in The Telegraph vom 19. Februar 2012: http://www.telegraph.co.uk/culture/9084505/On-her-blindness-by-Harriet-Lane.html.

Ihr erster Roman, das Psychodrama Alys, Always erschien 2012 und war ein großer Erfolg. Er wurde aber leider nicht ins Deutsche übersetzt. Ihr zweites Buch, Her, das hier vorgestellte Denn nichts bleibt vergessen, hat die Kritiker ebenfalls überzeugt und ist auf dem besten Wege, ein internationaler Bestseller zu werden.

Harriet Lane lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in London. Weitere Informationen über die Werke und Artikel der Autorin findet ihr auf ihrer Website www.harrietlane.co.uk.

Originalausgabe: Lane, Harriet. Her. London: Weidenfeld & Nicolson/Orion Publishing Group, 2014.
Deutsche Ausgabe: Lane, Harriet. Denn nichts bleibt vergessen. Aus dem Englischen von Peter Knecht. Berlin: Insel Verlag/Suhrkamp Verlag GmbH, 2015.
Buchcover: www.suhrkamp.de

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