22. November 2015

Die Poesie des Alltäglichen

Jean-Paul Didierlaurent: 
Die Sehnsucht des Vorlesers

Es gibt Bücher, die von der ersten bis zur letzten Seite einfach wunderbar sind. Dieses Romandebüt von Jean-Paul Didierlaurent gehört dazu. Es ist eines der wenigen Werke, auf das ich in der Buchhandlung durch sein Cover und sein besonderes Inlet aufmerksam geworden bin. Schon nach den ersten Sätzen wußte ich, dass dieser Roman etwas ganz Besonderes ist. Und dieser erste Eindruck ist nach Lektüre nicht nur geblieben, sondern hat sich noch verstärkt: Die Sehnsucht des Vorlesers ist ein zauberhaftes Buch voller Poesie, in dessen Fokus zwei einzigartige Außenseiter stehen, deren Leben durch Zufall miteinander verknüpft wird. Didierlaurent entführt uns in die auf den ersten Blick trostlos scheinende alltägliche Welt dieser Individualisten, nur um uns dann an der ganz besonderen Magie ihres jeweiligen Mikrokosmos teilhaben zu lassen. Dies gelingt ihm meisterhaft mit dieser außergewöhnlichen Geschichte, deren unaufgeregter Verlauf von der Poesie des Alltäglichen erzählt, die den Menschen in ihrer oftmals monotonen Arbeitswelt Halt und Sinn gibt.

Ein liebenswerter Bücherretter

Guylain Vignolles, 36, ist nicht wie alle anderen. Das liegt jedoch nicht nur an seinem merkwürdigen Namen, für den er sich schämt und der ihn schon in der Schule zum Gespött seiner Mitschüler machte. Sein eintöniges, einsames Leben, das er mit seinem Goldfisch namens Rouget de Lisle teilt, wird einzig und allein von seiner Liebe zu Büchern bestimmt. Und genau aus diesem Grund hasst er seinen Beruf: Er arbeitet als Maschinenführer in einer Papierverwertungsfabrik, in der täglich tonnenweise Bücher vernichtet werden - ein persönlicher Affront für den Literaturfreund, der sogar soweit geht und die Schreddermaschine als Bestie personalisiert. Weil er sich damit nicht abfinden will und kann, rettet er nach der allabendlichen Säuberung der Maschine stets einige noch intakte Seiten, die er zum Trocknen fein säuberlich zwischen Löschpapier legt. Diese Seiten, die aus den unterschiedlichsten Büchern stammen, liest er seinen Mitpendlern auf dem Weg zur Arbeit jeden Morgen im Regionalzug um 6.27 h laut vor. Von seiner Umwelt wird Guylain daher zwar als komischer Kauz wahrgenommen, aber man kommt nicht umhin, ihn irgendwie zu mögen, da er die zusammenhanglosen Auszüge aus Krimis, Kochbüchern etc. mit solcher Intensität vorliest, dass es auf eine gewisse Weise unterhaltsam ist.

Zwei ungewöhnliche Freunde

Auch Guylains Freundeskreis ist überschaubar, denn nur zwei Menschen genießen sein vollstes Vertrauen: Zum einen ist dies Yvon Grimbert, Guylains Kollege, der als Wachmann in der Fabrik arbeitet und ein leidenschaftlicher Fan klassischer Verskunst ist. Den lieben langen Tag liest er bevorzugt die klassischen Tragödien französischer Dichter, die er alle auswendig rezitieren kann. So spricht er dann auch oftmals in Reimen und hat damit auch schon einen LKW-Fahrer nachhaltig verstört, den Grimbert vor der Sicherheitsschranke erst einmal in Versform über die Bedeutung von Pünktlichkeit belehrte. Ein weiterer enger Freund ist der ältere Guiseppe Carminetti, ein ehemaliger Kollege, der bei einem tragischen Unfall durch die Bestie beide Beine verlor. Für ihn ist Guylain wie ein Sohn, den er oft mit italienischen Köstlichkeiten bekocht.

Ein USB-Stick mit einem ungewöhnlichen Tagebuch

Eines Tages findet Guylain beim Hochklappen seines Zugsitzes einen USB-Stick. Als er ihn abends an seinen Laptop anschließt, eröffnet sich ihm eine neue Welt: Die 28-jährige Julie, Toilettenfrau in einem Pariser Einkaufszentrum, die genau wie er gerne Dinge zählt und ebenfalls eine Außenseiterin zu sein scheint, beschreibt in ihrem ungewöhnlichen Tagebuch nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihre ganz spezielle Welt- und Menschensicht. Guylain hat das Gefühl, sie schon ewig zu kennen, und seine monotone Alltagsroutine erscheint ihm auf einmal nicht mehr grau in grau. Er möchte sie unbedingt finden, doch weiß nicht, wie er es anstellen soll. Im Regionalzug liest er fortan Julies Eintragungen vor, und sein Publikum der Mitreisenden ist begeistert. Als er sich endlich seinem Freund Guiseppe anvertraut, weiß dieser Rat und tüftelt einen ganz besonderen Plan aus, der Guylains Leben grundlegend verändern wird und ihn - wenn auch mit kleinen Hindernissen - letztendlich zu Julie führt...

Ein Buchjuwel mit viel Charme, Poesie und Humor

Dieser Roman versprüht viel Charme und zeichnet sich durch einen ganz besonders feinen Humor aus. Bei meiner Lektüre im Zug war ich mehr als einmal versucht, einige Seiten laut vorzulesen, weil Didierlaurent einfach einen so wunderbaren Schreibstil hat. Die Poesie, die sich für ihn im Alltäglichen findet, führt er uns auf so unaufdringliche, magische Weise vor Augen, dass wir die Welt - wenn auch nur für eine kleine Weile - aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Und allein für diese Erfahrung hat es sich schon gelohnt, diesen Roman, den ich euch wärmstens empfehlen möchte, zu lesen. 

Jean-Paul Didierlaurent: Telekommunikations-Kundenbetreuer und Schriftsteller

Jean-Paul Didierlaurent wurde 1962 in La Bresse im Elsaß geboren und arbeitet im Kundenzentrum eines Telekommunikationsunternehmens. 

Zunächst schrieb der bodenständige Literaturliebhaber, der auch ein Stephen King Fan ist, diverse Kurzgeschichten. Eine dieser Erzählungen mit dem Titel Brume wurde 2010 mit dem renommierten Literaturpreis Prix Hemingway ausgezeichnet. Zwei Jahre später erhielt er für seine Kurzgeschichte Mosquito ein weiteres Mal den Prix Hemingway.  

Der Verlag Éditions Au Diable Vauvert, der Didierlaurent bereits seit 2010 unter Vertrag hat, veröffentlichte dann auch im letzten Jahr seinen ersten, hier vorgestellten  Roman, Die Sehnsucht des Vorlesers, der ein sensationeller Erfolg wurde. In weniger als vier Monaten wurden mehr als 60.000 Exemplare in Frankreich verkauft. In kürzester Zeit erstanden 26 internationale Verlagshäuser die Rechte an seinem einzigartigen Erstlingswerk. Laut dtv hat sich bereits einer der größten französischen Kinoproduzenten die Filmrechte gesichert.

Didierlaurent arbeitet derzeit an seinem zweiten Roman. Ich bin schon sehr gespannt.

Einen sehr informativen Artikel von Élise Descamps über den Autor findet ihr hier: http://www.la-croix.com/Culture/Livres-Idees/Livres/Jean-Paul-Didierlaurent-la-nouvelle-vie-d-un-employe-2014-08-26-1196822.
Quelle: La Croix, 26.08.2014.


Originalausgabe: Didierlaurent, Jean-Paul. Le Liseur du 6 h 27. Vauvert: Éditions Au Diable Vauvert, 2014.
Deutsche Ausgabe: Didierlaurent, Jean-Paul. Die Sehnsucht des Vorlesers. Aus dem Französischen von Sonja Finck. München: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2015.
Buchcover: www.dtv.de

1 Kommentar:

  1. Huhu!

    Ich habe jetzt schon ziemlich lange nicht mehr hier vorbeigeschaut, offensichtlich zu lange nicht mehr, weil du umgezogen bist. Aber seit ich Vollzeit bei Epluse arbeite, hat es mein Leben mehr als einmal durcheinander gewirbelt :D. Was ich eigentlich schreiben will: Deine Buchvorstellung gefällt mir sehr, sehr gut! Ich lese zwar normalerweise solche Bücher nicht unbedingt, aber du hast das Buch mit so schönen Worten beschrieben, dass ich doch einmal eine Ausnahme machen werde :).

    Liebe Grüße und danke
    Marie

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