27. September 2015

Ungesühnte Schuld

Charlotte Link: Die Betrogene

Seit ich Charlotte Links Roman Haus der Schwestern vor vielen Jahren gelesen habe, zählt sie zu meinen favorisierten Kriminalautorinnen. Ich habe seitdem jedes ihrer hochspannenden Bücher verschlungen und bin immer wieder aufs Neue gefesselt. Keine ihrer klug konzipierten Geschichten gleicht der anderen, obwohl sie oftmals mit zwei zunächst unterschiedlichen Handlungssträngen arbeitet, die schließlich miteinander verschmelzen. Was mir besonders gut gefällt, sind sowohl ihre komplexen Charaktere, die sie nicht - wie viele ihrer Schriftsteller-Kolleginnen - mit schwarz-weiß Rastern belegt, als auch die perfiden, für den Leser unvorhersehbaren Wendungen, die ihre packenden Romane stets beinhalten. Von Charlotte Links zahlreichen Werken hat mich bisher Das andere Kind am meisten bewegt, denn die literarischen Figuren, die sie hier geschaffen hat, gehören meines Erachtens zu ihren gelungensten und berührendsten Charakteren.

Packender Thriller mit völlig überraschendem Ende

Auch auf ihr neuestes Buch Die Betrogene, das ich euch heute vorstellen möchte, war ich im Vorfeld sehr gespannt. Das Warten hat sich gelohnt, denn ihr jüngster Thriller ist wieder ein absoluter Pageturner mit exzellent gezeichneten Protagonisten und einer spannungsgeladenen Story, an deren Ende man sich als Leser wünscht, sie wäre noch nicht zu Ende. Charlotte Link leitet hier bewusst und sehr gekonnt auf viele Irrwege, bis der Leser dann völlig perplex vor der absolut überraschenden Lösung dieses vertrackten Falles steht und ihm auf einmal alle Zusammenhänge klar werden. Genau das ist es auch, was mich an Links außergewöhnlichen Kriminalromanen so fasziniert: Obwohl ich als langjährige Leserin von gut gemachten Thrillern eigentlich schon viele Verschachtelungen bzw. falsche Fährten deuten kann, schafft Link es immer wieder, mich mit ihrer Auflösung zu verblüffen. Und genau so soll es auch sein!

Mysteriöser Mord an einem pensionierten Detective Chief Inspector

Als Richard Linville, pensionierter und angesehener Detective Chief Inspector, in seinem Haus brutal ermordet wird, ist seine Tochter Kate, Detective Sergeant bei Scotland Yard, am Boden zerstört. Die stille Einzelgängerin, die weder einen Partner noch Freunde hat, verliert damit den einzigen Menschen, der ihr etwas bedeutete und dem sie bedingungslos vertraute. Doch neben all ihrer Trauer und Verzweiflung offenbart sich ihr unbedingter Wille, den Mörder zur Strecke zu bringen. Aber dies gestaltet sich äußerst schwierig, denn sie darf nicht selbst ermitteln, da sie die nächste Angehörige des Opfers ist. Hinzu kommt, dass der mit dem Fall beauftragte Detective Chief Inspector Caleb Hale keinesfalls ihrer Vorstellung eines fähigen Ermittlers entspricht. Er hat gerade erst einen Alkoholentzug hinter sich und scheint nicht bei der Sache zu sein. Obwohl Caleb Kate von Anfang an über alle Ergebnisse seiner Recherchen informiert, geht es ihr nicht schnell genug und sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Gerade als der Schwerkriminelle Denis Shove, den Linville damals für die Tötung seiner Freundin ins Gefängnis brachte, als möglicher Täter ins Visier der Polizei gerät, stößt Kate auf ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit ihres Vaters, das ihr ganzes Bild vom ihm grundlegend erschüttert und ihr vor Augen führt, dass sie sein "zweites Gesicht" nicht gekannt hat.

Ausgeliefert

Der parallele Handlungsstrang handelt von Jonas Crane, einem freien Drehbuchautor, der sich aufgrund eines drohenden Burn-outs mit seiner Frau Stella und seinem kleinen Sohn Sammy eine Auszeit in einem in den Hochmooren Yorkshires gelegenen Haus seines Kollegen nehmen möchte. In völliger Abgeschiedenheit ohne TV und Handy-Empfang will er nicht nur den Kopf wieder freibekommen, sondern sich auch verstärkt seiner kleinen Familie widmen, die in letzter Zeit einfach zu kurz gekommen ist. Doch Stella hat ein ungutes Gefühl, besonders nachdem sich plötzlich Sammys leibliche Mutter Therese wieder bei ihr gemeldet und sie zusammen mit ihrem neuen Freund besucht hatte, der ihr von Anfang an unheimlich war. Aber schließlich stimmt sie dem Kurzurlaub Jonas zuliebe doch zu - nicht ahnend, dass der Alptraum, der sie dort erwartet, ihre schlimmsten Vorstellungen übersteigt, denn ein unberechenbarer Mordverdächtiger im Fall Linville sucht ein abgeschiedenes Versteck, in dem es keinen Platz für Zeugen gibt...

Unkonventionelles Ermittlerteam

Charlotte Link hat einen Sinn für das Ungewöhnliche. Dies trifft vor allem auf ihre Protagonisten zu, die sie jenseits aller für Kriminalromane gängigen Klischees konzipiert. So sind denn auch ihre Hauptfiguren in Die Betrogene, Caleb Hale und Kate Linville sowie Jonas und Stella Crane, keine Superhelden bzw. keine Power-Frauen, sondern Durchschnittsmenschen mit all ihren Ängsten, Skrupeln und Nöten, die in eine ausweglose Situation geraten und gezwungen sind, überlebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Auch die Psychogramme von Links Täterfiguren sind komplex und vielschichtig und lassen zunächst keine eindeutigen Schlüsse zu. Die Verknüpfung all dieser Aspekte machen den Erfolg ihrer Romane aus, die sich wohltuend von der Masse abheben.

Charlotte Link: Erfolgreiche Bestseller-Autorin mit Rekordauflagen

Charlotte Link wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren und studierte Geschichte und Literaturwissenschaft.

Ihren ersten Roman Cromwells Traum oder Die schöne Helena schrieb sie schon im Alter von 16 Jahren - bereits drei Jahre später - 1985 - wurde er publiziert. Es folgten Gesellschaftsromane wie z.B. die Trilogie Sturmzeit, Wilde Lupinen und Die Stunde der Erben, die für das ZDF verfilmt wurden. Dies gilt ebenso für ihre Werke Das Haus der Schwestern, Die Rosenzüchterin und Das andere Kind u.v.m., die ebenfalls vom TV mit namhaften Schauspielern adaptiert wurden.

Deutschlands Queen of Crime

Der Schwerpunkt von Charlotte Links schriftstellerischem Schaffen liegt jedoch meines Erachtens auf ihren psychologischen Kriminalromanen, die - wie ihre Gesellschaftsromane - stets nach Erscheinen sofort die Bestseller-Listen stürmen. Bis auf Das Haus der Schwestern kenne ich allerdings nur Links Kriminalromane, die ich alle gelesen habe. Wie schon erwähnt, ist und bleibt Das andere Kind mein Favorit, aber jeder ihrer Thriller - z.B. Am Ende des Schweigens, Der Beobachter, Im Tal des Fuchses und natürlich Die Betrogene - ist für mich ein Must Read

Neuedition ihrer Jugendbuchreihe

Darüber hinaus ist Charlotte Link auch die Verfasserin der Jugendbuchreihe Reiterhof Eulenburg mit den Romanen Mondscheingeflüster, Diamantenraub, Mitternachtspicknick und Gefährlicher Sommer, die 2010 neu herausgegeben wurden.

Ein sehr persönliches Buch

In ihrem sehr persönlichen Buch Sechs Jahre: Der Abschied von meiner Schwester, das 2014 veröffentlicht wurdeberichtet sie über das Schicksal ihrer krebskranken Schwester Franziska, die sie durch alle Phasen ihrer Erkrankung bis zu ihrem Tod begleitete.

National und international anerkanntes Renommee

Charlotte Links Romane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, sind sowohl nationale als auch internationale Bestseller. Allein in Deutschland wurden über 24 Millionen ihrer Bücher verkauft.

Für ihr herausragendes literarisches Schaffen erhielt Charlotte Link 2007 den Medienpreis Goldene Feder.

Die Schriftstellerin lebt mit ihrer Familie in Frankfurt und engagiert sich aktiv für den Tierschutz.


Originalausgabe: Link, Charlotte. Die Betrogene. München: Blanvalet Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2015.
Informationsquelle über Charlotte Link:
Artikel von Stefan Locke: Die Frau mit der Formel. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2012: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/charlotte-link-die-frau-mit-der-formel-12009250.html
Buchcover: www.randomhouse.de

Mein herzlicher Dank gilt der Verlagsgruppe Random House GmbH, die mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

24. September 2015

Filmtipp: "Stürmische Leidenschaft" mit
Ralph Fiennes und Juliette Binoche

© Winkler Film GmbH
Viele Verfilmungen - ein Meisterwerk

Nachdem ich euch in meinem letzten Post bereits Emily Brontës berühmten Roman Sturmhöhe (Wuthering Heights) vorgestellt habe, möchte ich euch heute auf die meines Erachtens beste Verfilmung des Klassikers mit Ralph Fiennes (Der englische Patient, Der ewige Gärtner, Harry Potter, Skyfall u.v.m.) und Juliette Binoche (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Die Liebenden von Pont-Neuf, Verhängnis, Der englische Patient u.v.m.) unter der Regie von Peter Kosminsky aufmerksam machen. Das Buch ist schon viele Male verfilmt worden, und ich habe auch schon einige Versionen gesehen, wie z.B. die älteste mit Sir Laurence Olivier und Merle Oberon aus dem Jahre 1939, die Fassung mit Robert Cavanah und Orla Brady von 1998 sowie eine der neuesten mit Tom Hardy und Charlotte Riley aus dem Jahr 2009, aber keine war so werkgetreu und bei keiner war die Besetzung der Hauptrollen so exzellent wie bei dieser Adaption. Der kontroverse literarische Charakter des Heathliff stellt hierbei eine ganz besondere Herausforderung dar. Mit dem wandlungsfähigen Mimen Ralph Fiennes hat man in meinen Augen eine brillante Wahl getroffen. Darüber hinaus muss auch die weibliche Hauptfigur Cathy eine wirkliche Persönlichkeit sein. Die großartige französische Schauspielerin Juliette Binoche ist vor diesem Hintergrund die ideale Besetzung dieser Rolle und damit das ebenso hochkarätige weibliche Pendant.

Grandioses Setting in Yorkshires Hochmooren

Was macht diese Verfilmung so großartig? Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Zum einen wurde sie an Originalschauplätzen im Norden Yorkshires wie z. B. Aysgarth und Wensleydale gedreht. Diese außergewöhnlich schöne, wenn auch karge, rauhe und windige Landschaft erweckt die einzigartige Atmosphäre, die die Romanvorlage in sich trägt, wieder zum Leben und reflektiert die aufgewühlten Seelen von Heathcliff und Cathy. Sie spiegelt auch die Einsamkeit und das Verlorensein der beiden Hauptcharaktere wider, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander existieren können. Obwohl Cathy im Gegensatz zu Heathcliff ein breiteres soziales Umfeld hat, wirkt sie stets auf sich allein gestellt und seltsam isoliert. Wenn Heathcliff und Cathy allerdings gemeinsam in der Natur umherstreifen, wirkt letztere wunderbar lebendig und erfrischend. Dies hat Regisseur Peter Kosminsly mit seinen ganz einmaligen und atmosphärischen Landschaftsaufnahmen hervorragend in Szene gesetzt.

© Winkler Film GmbH






Brillante Besetzung bis in die Nebenrollen

Diese Verfilmung wird primär von dem perfekten Zusammenspiel der Hauptdarsteller Fiennes und Binoche getragen, bei denen die Chemie einfach stimmt. Denn nur so lässt sich die gleichzeitig von Liebe und Hass geprägte Beziehung von Heathcliff und Cathy glaubwürdig vermitteln. Insbesondere die Darstellung der komplexen, vielschichtigen Figur des Heathcliff verlangte Fiennes einiges ab. Mitzuerleben, wie Heathcliff seelisch und körperlich durch alle Höhen und Tiefen dieser zum Scheitern verurteilten Liebe geht, ist schon eine Tour de Force für die Zuschauer. Man weiß nie, ob man sich von Fiennes' Heathcliff angezogen oder abgestoßen fühlen soll, denn Fiennes zeigt uns Heathcliffs dunkle und charismatische Seite in einem derartig schnellen Wechselspiel, dass man seinen Charakter nie greifen kann. Aber es ist genau diese Widersprüchlichkeit, mit der Emily Brontë ihren Hauptcharakter angelegt hat. Ralph Fiennes' eindrückliches und intensives Porträt dieses Einzelgängers, der nur durch seine symbiotische Liebe zu Cathy auflebt, ist eine Glanzleistung.

© Winkler Film GmbH






Juliette Binoche als Cathy demonstriert ebenfalls alle Facetten ihres schauspielerischen Könnens. So zeigt sie uns Cathy zunächst als quirliges, wildes und ungestümes Wesen, das mit Heathcliff ihre zweite Hälfte gefunden hat und die Liebe mit ihm genießt. Ihre Wandlung zum gesellschaftsfähigen Objekt als Edgar Lintons Ehefrau, die ihr nicht standesgemäßes Glück mit Heathcliff ihrem Streben nach gesellschaftlicher Stellung opfert und dafür einen hohen Preis bezahlt, porträtiert Binoche auf sehr berührende Weise. Wie Heathcliff ist auch Cathy ein Charakter voller Widersprüche, für den es am Ende keinen Weg zurück mehr gibt.

Auch die Nebenakteure in dieser beeindruckenden Verfilmung sind von höchster schauspielerischer Qualität. Hervorzuheben sind hier in erster Linie Janet McTeer als Magd und Cathys Vertraute Nelly, Simon Shepherd als Edgar Linton und Jeremy Northam als Hindley Earnshaw, die ihre Rollen mit Bravour meistern. Ein besonderes - wenn auch kurzes - Highlight ist die irische Sängerin Sinéad O'Connor, die mit ihrem Song Nothing Compares To You weltberühmt wurde. In ihrer Rolle als Erzählerin stellt sie die Autorin Emily Brontë dar.

Werkgetreue Realisierung des Klassikers

Wie schon erwähnt, handelt es sich bei dieser Verfilmung um eine äußerst werkgetreue Realisierung des Romans. Es wurden lediglich einige Szenen umgestellt, was aber nicht störend ist, wenn man das Buch kennt. Zudem erzählt der Film auch die Geschichte der zweiten Generation der Earnshaws und Lintons, die bei vielen Versionen zumeist ausgespart wurde.

Ich möchte euch diesen Film wirklich wärmstens empfehlen, denn er ist absolut sehenswert. Die tragische Liebesgeschichte von Heathcliff und Cathy ist nie bewegender, emotionaler und ergreifender verfilmt worden als mit dieser Riege erstklassiger Schauspieler/innen. Diese Literaturadaption ist ein wahrhaftes Must See.

© Winkler Film GmbH



Originaltitel: Wuthering Heights
Regie: Peter Kosminsky
Produktionsland: Großbritannien
Erscheinungsjahr: 1992
Studio: Paramount Pictures
Vertrieb: Winkler Film GmbH, Wien

Mein herzlicher Dank gilt der Winkler Film GmbH, Wien, www.winklerfilm.de, die mir alle oben gezeigten Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

20. September 2015

Zerstörerische Liebe

Emily Brontë: Sturmhöhe
Wuthering Heights

Romantisch-verstörendes Meisterwerk des Viktorianismus

Dieser Roman zählt für mich zu den bedeutsamsten tragischen Liebesgeschichten aller Zeiten. Als ich diesen Klassiker der englischen Literatur damals zu Beginn meines Studiums gelesen habe, fand ich die fesselnde Geschichte zugleich romantisch und verstörend. Dieser Eindruck ist bis heute geblieben. Ich lese den Roman gerne von Zeit zu Zeit immer mal wieder, und er hat für mich trotz mehrmaliger Lektüre nichts von seiner Faszination verloren. Im Übrigen verbinde ich auch mit diesem Meisterwerk der Gothic Tradition immer Kate Bushs gleichlautendes Lied Wuthering Heights, das sie mit ihrer geisterhaft hohen Stimme perfekt interpretiert.

Skandal und Zumutung für die Leser der damaligen Zeit

Als der Roman 1847 unter Emily Brontës männlichem Pseudonym Ellis Bell erschien, war die hochmoralische viktorianische Gesellschaft schockiert: Die Schilderung dieser leidenschaftlichen, unkonventionellen und letztendlich zerstörerischen Liebe der beiden Protagonisten Catherine und Heathcliff, die in den Augen der Leser in ihrer Intensität und Grausamkeit nur von einem verdorbenen männlichen Autor erdacht sein worden konnte, empfand man als Skandal und Zumutung. Und so verkaufte sich der Roman anfänglich nicht sehr gut und wurde trotz einiger verhalten positiver Rezensionen weitestgehend ignoriert. Selbst Charlotte Brontë, Emilys berühmte Schwester und Autorin des Klassikers Jane Eyre, verwies in ihrem Vorwort zur Neuausgabe des Werks ihrer Schwester unmissverständlich darauf, dass es ihr unbegreiflich sei, wie man eine solche Kreatur wie Heathcliff erfinden konnte1.

Heute zählt Sturmhöhe zu den Literaturklassikern, während Emily Brontë als eine der besten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts gilt, die mit ihrem für die viktorianische Zeit innovativen Schreibstil ein einmaliges Werk geschaffen hat, das von Generation zu Generation begeistert rezipiert wird.

Das tragisch verknüpfte Schicksal der Familien Earnshaw und Linton

Der Roman spielt im englischen Yorkshire und erzählt die Geschichte der Familien Earnshaw und Linton über zwei Generationen. Der große soziale Unterschied der Familien spiegelt sich bereits in ihrem Lebensumfeld wider:  Während sich das Anwesen der Earnshaws - Wuthering Heights - auf einer Anhöhe in der wild anmutenden Hochmoor-Landschaft der Region befindet, liegt das Herrenhaus der reichen Lintons - Thrushcross Grange - in einem idyllischen Tal.

Als Mr. Earnshaw eines Tages den kleinen aus Liverpool stammenden Waisenjungen Heathcliff als neues Familienmitglied mit nach Hause bringt, ist seine Familie alles andere als begeistert. Während Earnshaws Sohn Hindley Heathcliff schikaniert, wo er nur kann, nimmt Catherine (Cathy) ihn mit offenen Armen auf. Die beiden Kinder sind unzertrennlich und spielen in jeder freien Minute zusammen. Die Haushälterin Nelly, die Heathcliff anfangs sehr merkwürdig findet, nimmt sich ebenfalls seiner an und behütet ihn.

Doch dann stirbt der alte Earnshaw, der Heathcliff immer vor Hindleys Schikanen beschützt hatte, und Heathcliffs heile Welt zerfällt. Hindley sieht sich am Ziel seiner Wünsche: Er degradiert Heathcliff zum Knecht und behandelt ihn wie Abschaum. Cathys enge Bindung zu Heathcliff ist Hindley ein besonderer Dorn im Auge, aber Cathy lässt sich von Hindley nichts vorschreiben und trifft sich auch weiterhin mit Heathcliff, der in ihren Augen nicht nur ihre andere Hälfte, sondern auch ihr Seelenverwandter ist, denn beide sind wilde, ungestüme Wesen, die sich nicht einschränken lassen.

Heathcliff und Catherine: Obsessive Liebe und grenzenloser Hass

Heathcliffs Liebe zu Cathy manifestiert sich und auch Cathys Gefühle für Heathcliff werden stärker. Als jedoch der junge Linton-Erbe Edgar Cathy einen Heiratsantrag macht, nimmt sie diesen zur Überraschung aller an. Vor allem Haushälterin Nelly ist klar, dass Cathy Edgar nicht liebt, sondern die Ehe lediglich als Ausweg sieht, um sich von ihrem mittlerweile stets alkoholisierten Bruder zu befreien. Heathcliff ist entsetzt und zutiefst getroffen. Als er dann noch zufällig hört, wie Cathy Nelly anvertraut, dass sie Edgar zwar nicht liebt, aber eine Ehe mit Heathcliff aufgrund des gesellschaftlichen Unterschiedes für sie ausgeschlossen ist, verlässt er Wuthering Heights völlig verzweifelt und außer sich vor Wut, ohne nochmals mit Cathy zu sprechen. Cathy verfällt daraufhin in eine tiefe Depression, heiratet Edgar aber trotz allem und zieht mit ihm nach Thrushcross Grange.

Nach drei Jahren kehrt Heathcliff als reicher Mann und nobler Gentleman zurück und ist fest entschlossen, Cathy allen Widerständen zum Trotz zu seiner Frau zu machen. Er taucht unangemeldet bei Cathy und Edgar auf und macht aus seinen Absichten keine Hehl. Während Edgar außer sich ist, verfällt Catherine Heathcliff erneut. Doch sie weiß, dass es für sie und Heathcliff kein Happyend geben darf, denn sie ist von Edgar schwanger. Als sie Heathcliff dies mitteilt, beginnt er in rasender Wut einen gnadenlosen und grausamen Rachefeldzug gegen die Familien Earnshaw und Linton, der auch vor der Liebe seines Lebens keinen Halt macht...

Kontroverse Charaktere im Spiegel ihrer Zeit

Während Emily Brontës Werk in unserer heutigen Zeit vor allem durch seine sehr individuell und modern gezeichneten Charaktere Heathcliff und Cathy überzeugt, waren die beiden Protagonisten für die zeitgenössischen Leser ein Affront. Man konnte sich in keiner Weise mit ihnen identifizieren, denn die willensstarken und unkonventionellen literarischen Figuren passten nicht in das moralische Schema des Viktorianismus.

Heathcliff: Düsterer Byronic Hero und charismatischer Antiheld

Dies gilt vor allem für Heathcliff, der als Inbegriff des Byronic Hero (benannt nach dem berühmten Dichter Lord Byron) gilt, ein zynisch-arroganter Antiheld, für den nur seine Regeln in der Welt gelten und der auf seine Umwelt aufgrund seiner egozentrischen Ausstrahlung und seines Charismas zugleich abstoßend und faszinierend wirkt. Doch obwohl Brontë Heathcliff primär als dunklen Charakter angelegt hat, zeigt vor allem seine bedingungslose Liebe zu Cathy, die ihn zu einem Gefangenen seiner selbst macht und ihn schließlich ins Verderben führt, dass seine leidenschaftlichen Gefühle trotz seiner kalten und schroffen äußeren Hülle nie erloschen sind.

Catherine: Weibliche Antiheldin und aufbegehrender Freigeist

Auch die weibliche Hauptfigur entspricht in keiner Weise dem damaligen Frauenbild. Mit Cathy als wilder, aufbegehrender Freigeist hat Emily Brontës zwar eine starke Protagonistin geschaffen, doch am Ende lässt sie ihre Figur an den strengen Konventionen ihrer Zeit und an ihrer tragischen Liebe zu Heathcliff scheitern. Dies macht die einzigartige Liebesgeschichte umso berührender, denn Brontë veranschaulicht auf beeindruckende Weise, dass es für leidenschaftliche Individuen keinen Platz in der damaligen Gesellschaft gab und man ihnen jedes Recht auf Liebe und Glück verwehrte. 

Wilde Natur als Seelenspiegel

Was ich neben der außergewöhnlichen Geschichte besonders beeindruckend finde, ist, dass Emily Brontë ihr gewähltes Setting der wilden, schroffen und winddurchzogenen Hochmoorlandschaft Yorkshires als Seelenspiegel zur inneren Aufruhr und Zerissenheit ihrer beiden Hauptcharaktere verwendet. Das ist ihr derart exzellent gelungen, dass der Leser bei vielen Landschaftsbeschreibungen das Gefühl hat, sie beschreibe gleichzeitig den aufgewühlten Gemütszustand ihrer Charaktere.

Emily Brontë: Exzentrische Eigenbrötlerin und passionierte Schriftstellerin

Emily Brontë wurde 1818 in Thornton/Yorkshire als mittlere Schwester der berühmten Brontë-Schriftstellerinnen Charlotte und Anne geboren. Nach dem Tod ihrer Mutter zogen sie nach Haworth, das im Herzen von Yorkshires wilder Hochmoorlandschaft liegt, und wurden von ihrem Vater, einem strengen irischen Pfarrer, und einer sehr religiösen Tante erzogen. Zusammen mit ihren verbliebenen Geschwistern (ihre Schwestern Maria und Elizabeth starben bereits in früher Kindheit), Charlotte und Anne, sowie ihrem Bruder Branwell schrieb Emily schon früh Geschichten und Gedichte. Die Kinder wurden von ihrem Vater zuhause unterrichtet und insbesondere Emily, Charlotte und Anne verfügten über eine für die damalige Zeit sehr gute Bildung für Frauen.

Lehrerin und Hausfrau

Mit 20 arbeitete Emily zunächst als Lehrerin an der Law Hill School in Halifax, doch aus gesundheitlichen Gründen musste sie ihre Stelle bereits ein Jahr später aufgeben. Danach widmete sie sich erst mal ausschließlich dem heimischen Haushalt, bevor sie 1842 gemeinsam mit ihrer Schwester Charlotte einen Auslandsaufenthalt im Héger Pensionnat in Brüssel wagte, wo sie Französisch und Deutsch studierten. Nach dem Tod ihrer Tante mussten sie jedoch zu ihrem Vater nach England zurückkehren.

Erste Veröffentlichung

1846 veröffentlichten die Schwestern unter ihren männlichen Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell den gemeinsamen Gedichtband Poems, der jedoch keinen Anklang fand.

Ein Jahr später wurde Emilys einziger Roman Sturmhöhe (Wuthering Heights) unter ihrem o.g. Pseudonym publiziert, der die viktorianische Öffentlichkeit schockierte. Die Autorin ließ sich zwar davon nicht entmutigen, doch einen weiteren Roman konnte sie leider nicht mehr verfassen: Sie starb 1848 im Alter von nur 30 Jahren an einer Lungenentzündung bzw. an Tuberkulose, da sie jegliche ärztliche Behandlung verweigerte.

Das kostbare Vermächtnis der naturverbundenen Einsiedlerin

Emily Brontë galt als introvertierte, willensstarke und manchmal schroffe Persönlichkeit, die es ihrer Umwelt nicht immer einfach gemacht haben soll. Sie liebte Tiere, die Natur und wanderte oft durch die windige Moorlandschaft. Ihr einziger Roman Wuthering Heights bleibt ihr kostbares Vermächtnis: Er spiegelt nicht nur ihre ganz besondere Sicht der menschlichen Natur und den fatalen Einfluss rigider gesellschaftlicher Zwänge wider, sondern ist zugleich Ausdruck ihres Wunsches nach Freiheit und Eigenbestimmung. Der späte große Erfolg ihres Romans, den sie leider nicht mehr miterleben durfte, reflektiert die immense Würdigung ihres Werkes, dessen leidenschaftliche Ausdrucksstärke die Zeit überdauert hat.2

Originalausgabe: Brontë, Emily. Wuthering Heights. Ware/GB: Wordsworth Classics/Wordsworth Editions Limited, 2000.
Deutsche Ausgabe: Brontë, Emily. Sturmhöhe. Aus dem Englischen von Gisela Etzel. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2009.
Informationsquellen über Emily Brontë und Wuthering Heights:
1Brontë, Emily. Wuthering Heights: Authoritative Text, Backgrounds, Criticism. Ed. William M. Sale, Jr. and Richard J. Dunn. 3rd ed. A Norton Critical Edition. New York: Norton, 1990.
2Maletzke, Elsemarie/Schütz, Christel (Hrsg.). Die Schwestern Brontë. Frankfurt am Main: insel taschenbuch, 2007.

16. September 2015

Unter dem Eis

Stephen P. Kiernan: The Curiosity

Ein grandioser Roman mit vielen Wahrheiten 

Selten habe ich in jüngster Zeit einen Roman gelesen, der mich derart beeindruckt und nachdenklich gestimmt hat wie Stephen P. Kiernans The Curiosity. Er ist so brillant geschrieben, dass ich ihn nach der ersten Lektüre sofort ein zweites Mal gelesen habe, was ich sonst nie tue. Und es hat sich gelohnt: Mir sind noch einige versteckte Details aufgefallen, die mir beim ersten Lesen entgangen sind, denn dieser grandiose Roman enthält so viele Wahrheiten, dass man ihn gelesen haben muss, um meine Begeisterung nachzuvollziehen. Das Großartige einiger Werke kann man manchmal einfach nicht in Worte fassen. Man muss es bei der Lektüre selbst erleben.

Science Fiction mit erstaunlichen Einsichten

Obwohl mich Science-Fiction-Geschichten eigentlich nicht sonderlich ansprechen, hat mich diese Story sofort gepackt. Dies liegt u.a. daran, dass sie nicht, wie viele andere SF-Romane, in einem Universum fernab unserer Zeit, sondern in relativ naher Zukunft in den USA spielt. Dies macht die Handlung so glaubwürdig und bewegend. Der sich langsam aber stetig aufbauende Spannungsbogen tut sein übriges dazu und macht den Roman zu einem Abenteuer, das den Leser gleichermaßen schockiert und berührt, ihn aber vor allem zur Reflexion anregt. Die Themen, die Kiernan mit dieser realitätsnahen und zugleich fantasievollen Erzählung in den Vordergrund stellt, sind zutiefst existentiell: Der Autor hält uns, die wir in einer medien- und sensationsgeprägten Gesellschaft fest verankert sind, schonungslos den Spiegel vor und zeigt uns auf seine ganz eigene unnachahmliche Weise, wie wichtig es ist, an Grundprinzipien und Werten wie Moral, Ethik und Anstand gegen alle Widerstände festzuhalten. Es ist eine großartige Parabel über den Wert des Lebens und die Würde des Menschen, die uns vor Augen führt, was wir in unserer Welt bewahren müssen.

The Frozen Man: Sensationsfund unter dem Eis

Die renommierte Biologin Dr. Kate Philo und ihr Team befinden sich im Auftrag des exzentrischen Wissenschaftlers und Leiters des berühmten Carthage Institute, Erastus Carthage, auf einer Forschungsreise in der Arktis, um ein geheimes Projekt weiter voranzubringen. Nachdem es bereits gelungen ist, im (Hart-)-Eis gefrorene tote Krabben, Plankton, Krill u.ä. mittels spezieller elektro-magnetischer Verfahren - wenn auch nur kurzzeitig - wieder zum Leben zu erwecken, soll diese Forschungsreihe nun mit Hochdruck weiter forciert und an größeren Lebewesen (zunächst Tieren) getestet werden. Als man nahe eines Eisbergs ein größeres Objekt in einem übergroßen Eisstück entdeckt, glaubt man zunächst an einen toten Wal, der ein einzigartiges Versuchsobjekt wäre und bereitet die Bergung vor. Dr. Philo und ihr Team sind mehr als schockiert als sich bei der schwierigen Hebung herausstellt, dass es sich bei dem Fund um eine männliche Leiche handelt, die aus einer längst vergangenen Zeit zu stammen scheint, wie es bereits die Kleidung verrät.

Subject One: Versuchsobjekt Mensch

Der Sensationsfund ist Musik in den Ohren des zynischen Forschungsleiters Carthage, dessen unerträgliche Hybris nur noch von seiner Gier nach Erfolg übertroffen wird. Parallelen zu Mary Shelleys Victor Frankenstein Figur werden hier überdeutlich. Carthage ist jedoch um Längen ehrgeiziger und verschlagener. Er gefällt sich in der Rolle des gottgleichen Wissenschaftlers, geschickten Manipulators und unsichtbaren Puppenspielers, der der Masse stets überlegen ist und vor allem die Presse geschickt zu seinen Gunsten beeinflusst. Für ihn ist Subject One, wie er den gefrorenen Mann nennt, nichts weiter als ein Versuchsobjekt, das er zu Forschungszwecken benutzt. Natürlich schlachtet er seinen Fund auch medial aus. Er informiert jede ihm bekannte Zeitung und jeden Radio- und TV-Sender, bis sein Ruf als glorreicher Forscher schließlich zum Präsidenten durchsickert.

Gegen die ethischen Bedenken von Dr. Philo und den anderen Wissenschaftlern geht Carthage schließlich bis zum Äußersten bzw. an die Grenzen der wissenschaftlichen Methodik, um Subject One wieder zum Leben zu erwecken. Zum großen Erstaunen und Entsetzen aller gelingt dies tatsächlich, und Carthage sieht sich am Ziel seiner Träume. Er nennt das Experiment Lazarus-Projekt und zeigt auf einer eigens dafür eingerichteten Website die 24-Stunden-Überwachung des völlig entkräfteten Mannes. Wütende Proteste von aufgebrachten religiösen Gruppen und Gegnern des Experimentes finden daraufhin täglich vor Carthages Institut statt. Ebenso kritisieren einige Wissenschaftler das Projekt in aller Offenheit und melden große ethische Bedenken an. Doch Carthage könnte es nicht weniger interessieren.

Ein zweites Leben

Dr. Kate Philo kommen immer häufiger Zweifel an der moralisch-ethischen Richtigkeit des Experimentes, das schon längst alle Grenzen überschritten hat. Als Subject One nach und nach zu Kräften kommt, öffnet er sich nur Dr. Philo, deren Gesicht er als erstes beim Wiedererwachen sah und der er vertraut wie keinem anderen Menschen. Als er ihr seine Geschichte erzählt, kann sie es kaum glauben: Sein Name ist Jeremiah Rice, und er war Richter um die Jahrhundertwende. Mit seiner Frau Joan und Tochter Agnes lebte er in Lynn, bis er bei einer Expedition in der Arktis, die außer Kontrolle geriet, über Bord fiel und sein Leben verlor.

An sein zweites Leben gewöhnt sich Richter Rice nur sehr langsam, doch es gelingt ihm dank Dr. Philo, sich bald zurechtzufinden. Er avanciert zum Medienstar, zu einem Kuriosum, das man in Talk Shows herumreicht. In seiner anfänglichen Naivität ist Rice dankbar für die Aufmerksamkeit und all die Freundlichkeit, die man ihm entgegenbringt, doch schon bald kommt er sich wie ein Tier im Zoo vor, denn Carthage erlaubt ihm nur selten, sein Zimmer im Institut zu verlassen - zumeist nur für mediale Auftritte. Aber Dr. Philo widersetzt sich heimlich ihrem dominanten Chef und nimmt Rice immer häufiger mit auf Entdeckungstour in die normale Welt. Rice und Philo fühlen sich mehr und mehr zueinander hingezogen, doch die ständige Überwachung macht eine Annäherung kaum möglich.

Vom Kuriosum zum Gejagten

Als Rice beschließt, bei dem Experiment nicht mehr länger mitzumachen, eskaliert die ohnehin angespannte Situation und das einstige Kuriosum wird zum Gejagten. Nur Kate bleibt an seiner Seite, um ihn vor der Presse und Carthage zu beschützen, der alle Hebel in Bewegung setzt, um Rice zu finden. Aber Kate ahnt nicht, dass Carthage und Rice ihr ein alles veränderndes Geheimnis vorenthalten, das sie den Boden unter den Füßen verlieren lässt...

Die moderne Welt aus altem Blickwinkel

Was mir an diesem wunderbaren Roman, der aus vier Perspektiven (Dr. Philo, Carthage, Rice und Dixon/Journalist) erzählt wird, so gut gefallen hat, ist vor allem die Reaktion des Protagonisten, Richter Jeremiah Rice, auf unsere moderne Welt. Es gibt so viele Szenen, die ich sofort nachvollziehen konnte, wie z.B. als er sich voller Freude sein Lieblingsobst, eine Orange, kauft und dann enttäuscht feststellen muss, dass sie eigentlich gar keinen Geschmack hat, seine Abscheu vor Fast Food, seine Bestürzung über all die vereinsamten Menschen, die entweder vor dem Computer sitzen oder auf ihr Handy starren anstatt sich miteinander auszutauschen. Doch letztendlich überwiegt für Rice die Schönheit, die er in allem, insbesondere in der Natur, sieht. Sein zweites Leben empfindet er als Geschenk, wie es kostbarer nicht sein könnte. In seine Gedankenwelt einzutauchen, ist mehr als bewegend und führt uns zu einer Erkenntnis, die simpler nicht sein könnte, nämlich dass es nichts Kostbareres gibt als das Leben.

Multitalent Stephen P. Kiernan: Preisgekrönter Journalist, Schriftsteller, Redner und Musiker

Stephen Kiernan wurde in Newtonville/NY geboren. Als sechstes von sieben Kindern wuchs er in einer Großfamilie auf. Wie er in einem Interview mit The Qwillery1 verriet, war es primär seine Großmutter (ebenfalls Autorin), die ihn inspirierte und motivierte, Geschichten zu erzählen. Nach seinem Abschluss am Middlebury College machte er den Master of Arts an der John Hopkins University und den Master of Fine Arts an der University of Iowa (Writers' Workshop). Seine journalistische Karriere begann 1980 bei der Tageszeitung Daily Iowan. Anschließend arbeitete er viele Jahre für die Burlington Free Press, Vermont, und den Boston Globe. Für seine brillanten journalistischen Leistungen erhielt er über 40 Preise, wie z.B. den George Polk Award, den Gerald Loeb Award und den Scripps Howard Award.

Erste schriftstellerische Aufmerksamkeit mit Sachbüchern

Seine ersten beiden Bücher - Last Rights (2007) und Authentic Patriotism (2010) - sind in der Sachliteratur angesiedelt. In Last Rights kritisiert Kiernan den seines Erachtens hoffnungslos veralteten Zustand des Gesundheitssystems in seinem Land. Gleichzeitig verweist er auf die immense Wichtigkeit der Palliativ-Medizin und plädiert für würdevolles Sterben. In Authentic Patriotism thematisiert er die große Bedeutung von aktivem Bürgerengagement und präsentiert 60 Menschen, die diesbezüglich ihre ganz spezielle Geschichte erzählen.

Internationaler Erfolg mit The Curiosity

Die beiden o.g. Bücher wurden zwar von den Lesern sehr gut angenommen, doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Der internationale Durchbruch gelang ihm 2013 mit seinem hier vorgestellten ersten Roman The Curiosity, der zwar in viele Sprachen, aber leider nicht ins Deutsche, übersetzt wurde. Dies ist mir völlig unverständlich, denn meines Erachtens würde es dieser einzigartige Roman mühelos auch in unsere Bestseller-Listen schaffen. Sein neuestes Werk The Hummingbird ist in diesem Jahr erschienen und steht bereits ganz oben auf meiner Leseliste.

Gefragter Vortragsredner und begeisterter Musiker

Darüber hinaus ist Kiernan ein gefragter Vortragsredner in den USA. Er referiert u.a. über das amerikanische Gesundheitssystem, die Bedeutung von Palliativmedizin und Hospizen sowie über die Wichtigkeit von aktivem Bürgerengagement, ehrenamtlicher Tätigkeit und Philanthropie.

Zudem ist auch Musik eine besondere Passion des Autors. Bereits im Alter von 10 Jahren spielte er Gitarre und hat mittlerweile 3 CDs mit Solo Instrumentals veröffentlicht. Er hat außerdem Musik für Dokumentarfilme, TV Specials u.v.m. komponiert.

Weitere Informationen über Stephen P. Kiernan findet ihr auf seiner Website stephenpkiernan.com.

Kiernan, Stephen P. The Curiosity. New York: William Morrow Paperback Edition / HarperCollinsPublishers, 2014.
1Interview mit Stephen Kiernan in The Qwillery, 9. Juli 2013: http://qwillery.blogspot.de/2013/07/interview-with-stephen-p-kiernan-author.html

Mein herzlicher Dank gilt HarperCollinsPublishers, die mir das o.g. Buchcover zur Verfügung gestellt haben.

My sincere thanks go to HarperCollinsPublishers for kindly providing the above book cover.

13. September 2015

Wertvolle Wegweiser im „Bücherwald":
Empfehlenswerte Literaturmagazine

Neue bzw. für mich interessante Bücher entdecke ich am liebsten beim Stöbern in Buchhandlungen. Da sich die Mayersche ganz in der Nähe meines Arbeitsplatzes befindet, muss ich gerade im Herbst und Winter nicht lange überlegen, wo ich meine Mittagspausen verbringe. Hier lasse ich mich inspirieren und kann in den großen gemütlichen Lesesesseln ganz entspannt in diversen Romanen schmökern. Das ist ein sehr angenehmer Zeitvertreib, aber einen wirklichen Überblick über Neuerscheinungen bzw. wiederentdeckte Klassiker aller Genres gewinne ich auf diese Art nicht. 

Angesichts der stetig steigenden Bücherflut greife ich gerne auf Literaturmagazine zurück, die mich ansprechend und kompetent über die neuesten Romane, ausgewählte Autoren und interessante Themenschwerpunkte informieren. Nachfolgend stelle ich euch drei Literaturmagazine vor, die ich seit längerer Zeit im Trio lese und denen ich schon unzählige wertvolle Büchertipps entnehmen konnte:

Lesart - Unabhängiges Journal für Literatur

© Lesart
Lesart war das erste Literaturjournal, das ich gelesen habe, und jede Ausgabe begeistert mich bis heute immer wieder aufs Neue. Es hat bisher noch keine Ausgabe gegeben, bei der kein Buch für mich dabei war. Präsentiert wird eine erlesene Auswahl an literarischen Neuerscheinungen, (Auto)Biografien, Krimis, Geschichts-, Gesellschafts- und Sachbüchern, Kinder- und Jugendbüchern u.v.m. Abschließend wird stets noch ein sogenanntes Fundstück vorgestellt, auf das ich immer besonders gespannt bin.

Die Buchbesprechungen sind brillant verfasst, sehr anspruchsvoll und beinhalten neben dem obligatorischen kurzen Inhaltsabriss einen pointierten Deutungsansatz des entsprechenden Rezensenten.

Lesart ist für mich ein kleines künstlerisches Meisterwerk unter den Magazinen. Allein die ausgefallenen und sehr kunstvoll gestalteten Titelseiten sind schon eine Klasse für sich.

Das von drei Privatpersonen produzierte unabhängige Literaturmagazin beinhaltet lediglich Rezensionen (d.h. keine Original-Prosa o.ä.) und ist in über 550 überwiegend kleineren Buchhandlungen kostenlos erhältlich. Ihr könnt Lesart, die vier Mal jährlich erscheint, aber auch für € 20 p.a. abonnieren. Es ist außerdem möglich, sich ein Probeheft zusenden zu lassen, um zu schauen, ob das Magazin den persönlichen Geschmack trifft.

Die Lektüre von Lesart lohnt sich in jeder Hinsicht. Schaut mal auf die Website des Magazins unter www.lesart.online.de. Dann könnt ihr euch selbst ein Bild machen. Die Herbstausgabe erscheint übrigens am 1. Oktober 2015.

BÜCHERmagazin - Das unabhängige Literatur- und Hörbuchmagazin

© BÜCHERmagazin
Das umfangreiche und kompakte BÜCHERmagazin ist für mich ein weiteres Highlight unter den Literaturmagazinen, denn es bündelt die diversifizierten Bücherwelten sehr strukturiert und übersichtlich.

Neben den variablen Kategorien Erzählungen & Romane, Krimis, Sachbücher, Bilder & Welten, Kinder & Jugend und Hörbücher beinhaltet das BÜCHERmagazin auch spannende Interviews, aufschlussreiche Autoren-porträts, Informationen über z.B. Literatur-Ausstellungen und Literatur im Internet sowie sehr gute DVD-Tipps. In der jetzigen August/September-Ausgabe ist ein exzellentes Krimi-Spezial 2015, das ihr unbedingt lesen solltet, wenn ihr - wie ich - Krimis und Thriller mögt.

Die Rezensionen (abwechselnd in Kurz- und Langversion) sind sehr gelungen und informativ, so dass man als Leser schnell entscheiden kann, ob die Neuerscheinung im Hinblick auf die persönlichen Lesevorlieben von Interesse ist. Die ausgezeichneten Autorenporträts lese ich immer besonders gerne, weil mich Hintergrundinformationen über die verschiedenen Schriftsteller sehr interessieren.

Das optisch sehr ansprechend gestaltete BÜCHERmagazin ist eine Publikation der falkemedia GmbH & Co. KG, Kiel, und erscheint zweimonatlich. Die einzelne Ausgabe kostet € 5,99 - ein sehr fairer Preis für dieses umfassende Magazin, wie ich finde. Natürlich könnt ihr es auch abonnieren.

Auf der Website des Magazins www.buecher-magazin.de findet ihr viele interessante und spannende Informationen rund um die Bücher- und Autorenwelt und darüber hinaus auch noch den dazugehörigen Blog.

Die nächste Ausgabe des BÜCHERmagazins erscheint am 23. September 2015 und beinhaltet ein Büchermesse-Spezial. Ich bin sehr gespannt.

buch aktuell - Autoren, Trends und neue Themen

© buch aktuell
Auch buch aktuell ist meines Erachtens ein äußerst wertvoller Wegweiser durch das Labyrinth der Buchneuerscheinungen bzw. wiederentdeckten Klassiker, der sich durch seine Themenvielfalt auszeichnet und den ich daher nicht missen möchte. In den Kategorien Literatur/Unterhaltung, Krimi/Thriller, Kinder- und Jugendbuch und Ratgeber/Sachbuch findet ihr ausgesuchte und sehr gut aufbereitete Büchertipps (in Kurz- und Langversion), die dem Leser nicht nur in sehr guter optischer Portionierung präsentiert werden, sondern auch alle zur Ersteinschätzung eines Buchs notwendigen Informationen enthalten.

Darüber hinaus gibt es noch die Kategorie DVD-Spezial, in der ihr neben der SPIEGEL-DVD-Bestsellerliste auch vielversprechende DVD-Empfehlungen findet.

Eine Kategorie, die mir besonders gut gefällt, sind die sogenannten Werkstattberichte. Der Artikel in der aktuellen bereits erhältlichen Herbst-Ausgabe lautet Tatort Schreibtisch - Wo Bestseller entstehen und ist ein Beitrag der Schriftstellerin Sabine Ebert. Da mich alles rund um Schriftsteller und ihre Schreibgewohnheiten sehr interessiert, habe ich auch diesen ansprechenden Artikel sehr gerne gelesen.

buch aktuell ist eine Publikation der Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien GmbH & Co. KG, Dortmund, und erscheint viermal im Jahr (März, Juni, September, November). Sie ist in über 1.200 Buchhandlungen kostenlos erhältlich. Darüber hinaus publiziert man noch drei weitere Magazine: lebenswert, das Taschenbuch-Magazin und Bücherbox, das jährliche Magazin der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen.

Auf der Website www.buchaktuell.de findet ihr viele weitergehende Informationen zu aktuellen Literaturtrends, Büchern, Autoren, Lesungen, Lesereisen u.v.m.

Die drei o.g. von mir empfohlenen Literaturmagazine ergänzen sich meines Erachtens perfekt. Mit den Buchneuerscheinungen, die ich mir gemäß den Tipps und meinen Interessen dann kaufe, liege ich auch fast nie daneben. Und wenn ich mir doch mal nicht ganz sicher bin, dann gehe ich wieder in die Mayersche, trinke einen leckeren Cappuccino und lese mich quer durch das vielfältige Angebot. Und eines ist dabei ganz sicher: Ohne ein Buch verlasse ich die Buchhandlung meistens nie.

Wie entdeckt ihr neue für euch interessante Bücher?

Lest ihr auch Buchmagazine und, wenn ja, welche? Stöbert ihr in Buchhandlungen oder lieber im Internet? Oder lasst ihr euch von Familie und Freunden Büchertipps geben?

Ich freue mich auf euer Feedback.

Viele Grüße
                                          Eure Rosa

Mein herzlicher Dank gilt Lesart, BÜCHERmagazin und buch aktuell, die mir ihre o.g. Cover zur Verfügung gestellt haben.

9. September 2015

Die ungezähmte Kriegerin

Paula McLain: Lady Africa

Nachdem ich Paula McLains internationalen Bestseller Madame Hemingway mit Begeisterung gelesen habe, hätte ich nicht gedacht, dass sie diesen Roman noch übertreffen könnte. Doch mit ihrem neuesten Buch Lady Africa ist es ihr tatsächlich gelungen. Im Fokus ihrer außergewöhnlichen Geschichte steht eine einzigartige Frau: Beryl Markham. Als Tochter eines Lords wuchs sie im afrikanischen Busch auf, erhielt mit 18 als erste und jüngste Frau eine Lizenz als Pferdetrainerin und überquerte schließlich als erste weibliche Pionierin der Lüfte den Atlantik im Alleinflug. Markhams bewegtes Leben inspirierte McLain zu diesem ausgezeichneten Roman, den ich euch wirklich sehr empfehlen kann. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes abenteuerlich - so wie das Leben dieser kühnen Querdenkerin.

Wildes Land

Als Charles Clutterbuck im Jahre 1904 mit seiner Frau Clara und den Kindern Beryl und Dickie nach Britisch-Ostafrika (heutiges Kenia) übersiedelt, finden sie sich im Herzen der Wildnis wieder. Unberührtes Buschland und primitive Hütten sind fortan ihr Zuhause. Während sich Charles und die kleine Beryl auf diese Herausforderung einlassen, kann Mutter Clara sich in keiner Weise mit diesem ihr völlig fremden Land anfreunden und verlässt nach nur zwei Jahren gemeinsam mit ihrem Sohn Dickie ihren Mann und ihre Tochter, um nach England zurückzukehren. Beryl kann den Verlust ihrer Mutter nur sehr schwer verwinden. Auch ihr Vater kann ihr nicht viel Zeit widmen, denn er ist zu sehr mit dem Aufbau der Farm beschäftigt, die langsam aber stetig Form annimmt. Und so wächst Beryl auf sich allein gestellt, aber frei und unbeschwert mit den einheimischen Kipsigis heran - insbesondere der kleine Kibii wird zu ihrem besten Freund. Seine Familie nimmt sie als eine der ihren auf und gibt ihr den Namen Lakwet (sehr kleines Mädchen). So lernt sie u.a., mit dem Speer umzugehen und Warzenschweine zu jagen. Als ihr Vater mit seiner Farm Green Hills von Tag zu Tag erfolgreicher wird und parallel dazu auch noch eine bemerkenswerte Zucht von edlen Rennpferden aufbaut, könnte Beryl nicht glücklicher sein, denn - wie ihr Vater - ist sie eine absolute Pferdenärrin.

Dunkle Schatten

Doch als aus dem wilden Mädchen schließlich eine junge Frau wird, fallen erste Schatten auf Beryls zwangloses, sorgenfreies Leben. Ihr Vater und seine neue Partnerin Emma möchten, dass sie zur Schule und später auf ein Internat geht. Doch das ist mit Beryl nicht zu machen, denn sie ist nicht bereit, nach Konventionen zu leben und strikte Regeln zu befolgen. Auf der Schule gilt sie als schwer erziehbar, und auch das Internat kann sie nicht formen. Als ihr Vater in finanzielle Schwierigkeiten gerät und gezwungen ist, einen Job in Kapstadt anzunehmen, gibt Beryl schließlich auf Drängen ihres Vaters dem Werben von Jock Purves, einem Farmbesitzer, nach und heiratet ihn, obwohl sie ihn nicht liebt. Sie ist schnell desillusioniert und erkennt, dass sie eigentlich nichts von Männern weiß und auch für die Ehe nicht gemacht ist. Beryl will die Scheidung, doch Jock ist nicht bereit, sie gehen zu lassen, weil es zur damaligen Zeit einfach nicht üblich war, dass eine Frau ihren Mann verlässt.

Unkonventionelle Liebe

Nachdem Beryl das Unmögliche geschafft hat, nämlich mit nur 18 Jahren als erste Frau eine Lizenz als Pferdetrainerin zu erhalten, ist sie rastlos und versucht, sich in die Gesellschaft einzufügen, was ihr jedoch nicht gut gelingt. Sie lernt die unterschiedlichsten Männer kennen, aber keiner kann sie wirklich begeistern. Dies ändert sich, als sie Denys Finch Hatton, den Geliebten der dänischen Baronin Karen Blixen, kennenlernt, der ihre große Liebe wird. In ihm sieht sie einen Seelenverwandten, denn er ist - wie sie - frei und unabhängig, lässt sich in kein Schema pressen und lebt nach seinen eigenen Regeln. Dies macht ihn aber ebenso untauglich für eine Beziehung, die sich Beryl trotz ihrer Unabhängigkeit wünscht. Obwohl sie ihre Freundin Karen Blixen, die später ihre Erinnerungen in ihrem berühmten Roman Jenseits von Afrika festhalten wird, nicht verletzten möchte, beginnt sie eine Beziehung mit Finch Hatton, dessen Leidenschaft für das Fliegen sich auf Beryl überträgt. Sie nimmt Flugstunden und entpuppt sich als Naturtalent.

Tragische Wendung

Aufgrund ihres non-konformen Lebenswandels wird Beryl schnell zur Zielscheibe von Klatsch und Tratsch, doch als Freigeist denkt sie gar nicht daran, sich anzupassen. Dass sie für ihr selbstbestimmtes Leben einen hohen Preis zahlen muss, nimmt Beryl in Kauf, denn ihre Liebe zu Denys ist ihr ein immenser Halt. Doch nichts kann sie auf die Tragödie vorbereiten, die ihrem Leben eine weitere unvorhergesehene Wendung gibt und sie vor die Entscheidung stellt, sich aufzugeben oder abermals über sich hinauszuwachsen...

Berührendes Porträt einer unerschrockenen Abenteurerin

Mit Lady Africa ist es Paula McLain auf beeindruckende Weise gelungen, uns im Rahmen dieser fiktiven Geschichte erstaunliche Einblicke in die Lebensanschauung dieser singulären Persönlichkeit zu gewähren und Beryl Markham jenseits aller Gerüchte als selbstbestimmte und unerschrockene Pionierin zu zeigen, die ihrer Zeit weit voraus war.

McLains Informationsquellen über Beryl Markham waren allerdings limitiert. In ihren Memoiren West With The Night gibt Markham nur sehr wenig über sich als Privatperson preis, sie berichtet allerdings detailliert über ihre Kindheit in Afrika. Ihre Zurückhaltung bei allem Privaten rührt daher, dass sie aufgrund ihres neuartigen Lebensstils oftmals Gegenstand von haarsträubenden, unerhörten Spekulationen und daher ein gebranntes Kind in Bezug auf die Presse war. Die anzüglichen Gerüchte über Markham und ihre angeblich zahlreichen Männergeschichten, die McLain im Rahmen ihrer Recherche-Reise nach Kenia noch immer zu hören bekam, haben sich auch fast 30 Jahre nach dem Tod der Flugpionierin im Jahre 1986 nicht verflüchtigt und auch nichts von ihrer Boshaftigkeit verloren.

Doch ganz gleich, was man auch immer über Beryl Markham sagen mag: Es gab kaum eine Frau ihrer Zeit, die ihr das Wasser reichen konnte. Und dies wird auch in Paula McLains Roman unausgesprochen deutlich.

Paula McLain: Schriftstellerin auf Umwegen

Paula McLain wurde 1965 in Fresno/Kalifornien geboren. Als ihre Eltern sie und ihre zwei Schwestern verließen, wurden die entwurzelten Kinder in den darauffolgenden 14 Jahren von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht. Ihre Erfahrungen in dieser für sie und ihre Geschwister sehr schweren Zeit verarbeitete sie später in ihrer Autobiografie Like Family: Growing Up In Other People's Houses, die sehr berührend ist.

Als Paula McLain schließlich volljährig war, hielt sie sich mit zahlreichen Nebenjobs über Wasser: So arbeitete sie zum Beispiel als Krankenhaus-Hilfskraft, Pizza-Lieferantin und Cocktail-Kellnerin, bis sie schließlich die Schriftstellerei für sich entdeckte, die ihre große Leidenschaft wurde. 1996 machte sie ihren Master of Fine Arts in Poesie an der University of Michigan.

Ihr erster Gedichtband Less Of Her wurde 1999 veröffentlicht2003 folgte ihre o.g. Autobiografie. Nach der Publikation ihres zweiten Gedichtbandes Stumble, Gorgeous im Jahre 2005 begann sie mit den Arbeiten zu ihrem ersten Roman Ticket To Ride, der 2008 erschien.  

Internationaler Durchbruch mit Madame Hemingway

Der internationale Durchbruch als Schriftstellerin gelang ihr 2011 mit ihrem zweiten Roman Madame Hemingway. Ihre wunderbare Geschichte um den legendären Schriftsteller Ernest Hemingway und seine erste Frau Hadley Richardson, die im Paris der 20er Jahre spielt, war ein absoluter Überraschungserfolg. Der Bestseller, der in 34 Sprachen übersetzt wurde, erhielt glänzende Kritiken - seine Autorin Paula McLain gilt seither als vielversprechende literarische Neuentdeckung.

Von Marie Curie zu Beryl Markham

Die Protagonistin von McLains nächstem Roman sollte eigentlich die Physikerin und Chemikerin Marie Curie werden. Doch trotz all ihrer Recherchen konnte die Autorin, wie sie jüngst in einem Interview mit Alden Mudge in BookPage1 verriet, nicht zu ihrer Heldin durchdringen - Curies Charakter erschloss sich ihr trotz umfangreicher Lektüre nicht. Als McLain dann auf Empfehlung ihres Schwagers, einem Piloten und Arzt, die Memoiren von Beryl Markham mit dem Titel West With The Night las, war sie begeistert. Markham war genau die Protagonistin, die sie sich wünschte, zumal sie Ähnlichkeiten in ihrer beider Leben feststellen konnte. Beide wurden als Kinder von ihren Müttern verlassen und für beide waren Pferde und Reitsport mehr als eine Passion.

McLain verwarf daraufhin das Buch über Marie Curie und schrieb in nur fünf Monaten einen beinahe druckfertigen ersten Entwurf des hier vorgestellten Romans.

Lady Africa wurde im letzten Monat in Deutschland veröffentlicht und wird mit Sicherheit wieder die Bestsellerlisten stürmen, denn Paula McLain hat zweifellos schriftstellerische Klasse. 

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf ihrer Website paulamclain.com.

Originalausgabe: McLain, Paula. Circling The Sun. New York: Ballantine Books, 2015.
Deutsche Ausgabe: McLain, Paula. Lady Africa. Aus dem Amerikanischen von Yasemin Dinçer. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2015.
1Interview von Alden Mudge. Paula McLain: Finding a personal connection in the life of a daring pioneer. In: BookPage, 23. August 2015: http://bookpage.com/interviews/18570-paula-mc-lain#.Ve8Zmn1tCSo

Mein herzlicher Dank gilt dem Aufbau Verlag, Berlin, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

6. September 2015

Filmtipp: "Schatten der Vergangenheit"
In einem anderen Leben

©: Paramount/INPROMO GmbH
Ein genialer Filmklassiker im Hitchcock-Stil

Als ich kürzlich mal wieder meine DVDs aussortiert habe, bin ich auf diesen genialen Filmklassiker mit Kenneth Branagh und Emma Thompson gestoßen, der zu meinen All Time Favourites zählt. Ich habe ihn mir dann nach langer Zeit nochmals angesehen und hatte genau wie damals im Kino wieder Gänsehaut, obwohl ich den Film schon wirklich oft gesehen habe und natürlich auch das Ende kenne.

Das Grauen im Verborgenen

Kenneth Branaghs fulminante Inszenierung dieses hochspannenden, romantischen Mystery-Thrillers ist großes Kino. Seinen außergewöhnlichen Film hat er im Hitchcock-Stil inszeniert, d.h. auf übermässige Brutalität und Gewalt wird bewusst verzichtet, denn das Grauen liegt hier in kleinen Details, die sich dem Zuschauer nach und nach erschließen und für nicht enden wollende Gruseleffekte sorgen.

Die Frau ohne Gedächtnis

Mike Church (Kenneth Branagh) arbeitet als Privatdetektiv in L.A. Seine Tätigkeit, der er mit einer guten Prise Humor und seinem ganz eigenen Charme sehr erfolgreich nachgeht, beinhaltet zumeist die Suche nach vermissten Personen. Als man ihn beauftragt, sich Grace, einer jungen Frau ohne Gedächtnis (Emma Thompson), anzunehmen, die unter schrecklichen Alpträumen leidet und ihre Sprache verloren hat, steht Church vor einem Rätsel. Panik und Todesangst scheinen das Leben von Grace zu bestimmen, er kommt einfach nicht an sie heran. Als alle seine Nachforschungen ins Leere laufen, beschließt Church, die Presse hinzuzuziehen: Einer seiner Freunde berichtet in einem Zeitungsartikel über den mysteriösen Fall von Grace, worauf er auch einige Hinweise auf ihre Identität erhält. Sie scheint eine Künstlerin zu sein, die bizarre Werke aus Scheren schafft.

©: Paramount/INPROMO GmbH

Doch einen ersten Erfolg erzielt Church schließlich mit Hilfe des Hypnotiseurs Franklyn Madson (Derek Jacobi). Nach der ersten Sitzung kann Grace zwar wieder sprechen, aber die Geschichte, die sie unter Hypnose erzählt, ist mehr als verstörend. In ihren Albträumen ist Grace stets Margret Strauss, eine berühmte Orchestermusikerin, die in den 40er Jahren lebte. Zusammen mit ihrem Mann, dem gefeierten Komponisten und Dirigenten Roman Strauss, waren sie das romantische Liebes- und Traumpaar ihrer Zeit und die Darlings der feinen Gesellschaft. Als Margaret mit einer Schere brutal erstochen wird, gerät ihr Ehemann Roman unter Verdacht. Er wird verhaftet und schließlich hingerichtet. Bis zu seinem Tod beteuerte er jedoch  immer wieder seine Unschuld, aber niemand glaubte ihm, denn er war für seine Eifersucht, ganz besonders auf Margarets guten Freund Gray Baker (Andy Garcia), bekannt.

Als Franklyn Madsen Mike und Grace eine alte Zeitschrift mit der Cover-Story über Margaret und Roman zeigt, stockt ihnen der Atem: Sie sehen Margaret und Roman zum Verwechseln ähnlich. Doch noch bevor Mike, der sich sehr zu Grace hingezogen fühlt, Erklärungen für die seltsamen Vorkommnisse finden kann, spüren er und Grace eine wachsende Bedrohung bei jedem ihrer Schritte: Jemand will ihren Tod, doch ihr Gegner scheint unsichtbar. Zu seinem Entsetzen lässt dies für Church nur einen Schluß zu: Der wahre Killer von Margret Strauss ist noch am Leben und wird nicht ruhen, bis er beide zum Schweigen gebracht hat. Und so muss Mike alles auf eine Karte setzen, um Grace zu schützen und den Mörder zu entlarven, damit am Ende auch Roman Strauss post mortem Gerechtigkeit zuteil wird. 

Erstklassiges Spiel mit Gegenwart und Vergangenheit

Zur Umsetzung seines brillanten Spiels mit Gegenwart und Vergangenheit bedient sich Kenneth Branagh schwarz-weißer Rückblenden à la Hitchcock. Sein beeindruckender Film lebt von prächtigen Bildern, großen Gesten und starken Gefühlen. All dies verbindet er sehr gekonnt mit dem lauernden Bösen, das die Zuschauer im Verlauf des Films schließlich hinter allem und jedem vermuten. Das absolut überraschende und völlig unvorhersehbare Ende lässt die Zuschauer geschockt und atemlos zurück.

©: Paramount/INPROMO GmbH

Hervorragende schauspielerische Besetzung

Kenneth Branagh stand zur Realisierung seines Meisterwerks die erste Riege britischer, amerikanischer und deutscher Schauspieler zur Verfügung: Shakespeare-Virtuose Derek Jacobi, Andy Garcia, Robin Williams und die wunderbare Hanna Schygulla machen den Film zu einem Erlebnis der ganz besonderen Art. Er lebt jedoch insbesondere von dem brillanten Zusammenspiel von Kenneth Branagh und seiner damaligen Frau Emma Thompson, die ihre Doppelrollen perfekt ausfüllen. Die erstklassige schauspielerische Leistung, die die beiden Ausnahmemimen hier darbieten, ist für mich bis heute unerreicht.

Sir Kenneth Branagh: Großartiger Schauspieler und erstklassiger Regisseur

Der 1960 geborene Ire ist vielen insbesondere aus seinen preisgekrönten Shakespeare-Verfilungen wie z.B. Viel Lärm um nichts, Heinrich V., Verlorene Liebesmüh' und Hamlet bekannt, in denen er nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch als Regisseur fungiert. Aber Kenneth Branagh kann nicht nur Shakespeare. Filme wie der hier vorgestellte nuancierte und hochspannende Thriller Schatten der Vergangenheit setzen ihn auf eine Qualitätsstufe mit Alfred Hitchcock und doch ist er mit keinem anderen renommierten Regisseur vergleichbar, denn die Filme des vielseitigen Künstlers tragen stets seine Handschrift. Dies gilt auch für die erfolgreiche Tragikomödie Peter's Friends, die er mit einer Selektion der besten englischen Schauspieler wie Ex-Gattin Emma Thompson, Stephen Fry, Hugh Laurie und Imelda Staunton realisierte, oder das Drama Mary Shelley's Frankenstein, für das er sogar Robert de Niro gewinnen konnte.

Schauspielvirtuose in allen Genres

2008 übernahm der wandelbare Schauspieler dann die Rolle des Kommissar Wallander in der gleichnamigen britischen TV-Serie, für die er 2009 einen BAFTA-Award gewann. Auch ein Action-Film wie die Jack-Ryan-Verfilmung Shadow Recruit stellt für den großartigen Mimen kein Problem dar: Seine Darstellung des russischen Oligarchen Viktor Cherevin (mit exzellent imitierten russischen Akzent) ist unvergleichlich gut. 2015 wagte er sich sogar an ein Märchen und verfilmte Cinderella. Und ein weiteres Mal standen ihm dafür hochkarätige Schauspieler zur Verfügung: Cate Blanchett, Lily James, Derek Jacobi, Helena Bonham Cater, Richard Madden, Stellan Skarsgard u.v.m.

Viel versprechende neue Projekte

Branagh lässt sich zwar in keine Schulade packen, doch es zieht ihn immer wieder zu Shakespeare. So ist denn auch eines seiner neuen Projekte wieder sehr viel versprechend: Zusammen mit Star-Regisseur Martin Scorsese soll er derzeit an einer Neufilmung von Macbeth mit ihm und Alex Kingston in den Hauptrollen arbeiten. Ein großer Erfolg ist somit auch hier wieder vorprogrammiert.

Derzeit arbeitet Branagh laut Zeitungsberichten außerdem intensiv an einer Neuverfilmung des Agatha-Christie-Klassikers Mord im Orient-Express. Zudem wartet noch ein weiteres spannendes Projekt auf ihn: Er soll die Jugendbücher von Eoin Colfer um die Hauptfigur Artemis Fowl filmisch umsetzen. Auch dies wird Branagh meines Erachtens wieder bestens gelingen.

Emma Thompson: Renommierte Charakterdarstellerin und Shakespeare-Mimin

Emma Thompson wurde 1959 als Tochter der Schauspieler Phyllida Law und Eric Thompson in London geboren. Sie absolvierte ein Englisch-Studium am Newnham College in Cambridge. Kenneth Branagh lernte sie bei Dreharbeiten zur BBC-Serie Fortunes of War kennen. Sie heirateten und wurden zu einem der berühmtesten Schauspieler-Ehepaare ihrer Generation. Bisher haben sie 11 Filme miteinander gedreht. Hierzu zählen unter anderem die o.g. Shakespeare-Verfilmungen Henry V und Viel Lärm um nichts sowie Peter's Friends und Schatten der Vergangenheit.

Internationaler Durchbruch mit Wiedersehen in Howards End

Ihr internationaler Durchbruch gelang Emma Thompson 1992 mit ihrer Hauptrolle in Wiedersehen in Howards End, für die sie mit dem Golden Globe und dem Oscar ausgezeichnet wurde. Eine ihrer nächsten schauspielerischen Bestleistungen zeigte sie an der Seite von Kate Winslet, Alan Rickman und Hugh Grant in der Literaturverfilmung von Jane Austens Sinn und Sinnlichkeit, für die sie auch das Drehbuch schrieb. Für ihre gelungene Adaptation erhielt sie einen weiteren Oscar.

Besonders beeindruckt war ich von Emma Thompsons schauspielerischer Leistung aber auch in den Filmen Was vom Tage übrig blieb, in dem sie an der Seite von Anthony Hopkins brilliert, und Carrington, wo sie die exzentrische englische Malerin Dora Carrington auf einzigartige Weise porträtiert.

2010 wurde ihr eine ganz besondere Ehrung zuteil: Für ihre meisterhafte Schauspielkunst erhielt sie einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame.

Schatten der Vergangenheit
Originaltitel: Dead Again
Regie: Kenneth Branagh
Studio: Paramount Pictures
Erscheinungsjahr: 1991

Mein herzlicher Dank gilt Paramount/INPROMO GmbH, Hamburg, www.inpromo.de, die mir alle Fotos von Schatten der Vergangenheit inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt haben.

2. September 2015

Die "unsichtbare" Liebe des Philosophen

Guinevere Glasfurd
Worte in meiner Hand

Ein ganz besonderer historischer Roman

Nach langer Zeit habe ich mal wieder einen historischen Roman gelesen, der mich sehr bewegt hat. Dieses Erstlingswerk der britischen Schriftstellerin Guinevere Glasfurd ist sehr atmosphärisch und von einer sprachlichen Ausdruckskraft, die ihresgleichen sucht. Als Protagonisten hat sich die Autorin zwei Personen ausgesucht, die real existiert haben: Den berühmten französischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes und die holländische Magd Helena Jans van der Strom, seine "unsichtbare" Geliebte und Partnerin, von der aufgrund des Standesunterschiedes niemand wissen durfte. Was den Roman so besonders macht, ist die Gabe von Glasfurd, Hollands Goldenes Zeitalter, das 17. Jahrhundert, so detailgetreu und lebendig zu beschreiben, dass man als Leser das Gefühl hat, sich auf einer Zeitreise zu befinden und mitten im Geschehen zu sein.  

Helenas Geschichte

Die Geschichte wird in der Ich-Form erzählt - mit der Stimme der Protagonistin Helena. Glasfurd legt besonderen Wert darauf, dass die zentrale Figur Helena und nicht der berühmte Descartes ist, den jeder bereits kennt.1 Zudem sollen in ihrem Roman keine altertümlichen Klischees reanimiert werden, das heißt, die Autorin hat hier bewusst die stereotypen Figuren der "mutigen Magd" und des "großen Denkers" außen vor gelassen und erzählt uns eine - wenn auch tragische - Geschichte von zwei Menschen, die ihrer Zeit weit voraus waren und dafür einen hohen Preis zahlen mussten. Glasfurd bedient sich dabei einer poetischen Sprache, die eine Klasse für sich ist. Manche Sätze waren einfach so wunderbar konzipiert und so wahrhaftig, dass ich sie mehrfach gelesen habe. Alles in allem ist dieser Roman ein echter Lesegenuß und für mich ein unumgängliches Must Read, dem man sich nicht entziehen kann.

Ein unkonventioneller Gast

Die Geschichte spielt im Amsterdam des Goldenen Zeitalters um 1634, als die Stadt Dreh- und Angelpunkt von Künstlern und Intellektuellen war. Nachdem ihr Vater auf See verschollen ist, muss sich Helena, die aus Leiden stammt, auf Bitten ihrer Mutter eine Stellung als Magd in der großen Stadt suchen, um Geld für die Familie zu verdienen. Über einen Agenten, der Mägde an reiche Familien vermittelt, soll sie eine Arbeit finden, doch niemand will eine Frau beschäftigen, die lesen und schreiben kann. Helena ist entmutigt und verzweifelt, doch dann hat sie Glück: Der Brite, Mr. Sergeant, der in Amsterdam eine Buchhandlung betreibt, stellt sie schließlich ein. Und schon bald wird ihr bis dahin eintöniges Leben völlig auf den Kopf gestellt, denn ihr Arbeitgeber beherbergt einen merkwürdigen Gast: Den aufstrebenden Freigeist und brillanten Denker René Descartes, den sie nur mit Monsieur anreden darf. Descartes ist jedoch zu dieser Zeit noch nicht der angesehene Philosoph, dessen Ausspruch Cogito ergo sum um die Welt geht. Er ist zwar bekannt und eine Persönlichkeit seiner Zeit, aber der Ruhm lässt noch auf sich warten.

Die Welt der Worte

Helena ist fasziniert von diesem Fremden, der den ganzen Tag schreibt, denn die intellektuelle Welt bleibt ihr als Frau verschlossen. Er inspiriert sie, und ihr Ehrgeiz und ihre Neugier sind schnell geweckt. Und auch der scheinbar so vergeistigte Descartes fühlt sich zu Helena hingezogen. Er ist erstaunt und beeindruckt von ihrem Wissensdurst und ihrer schnellen Auffassungsgabe und gewährt ihr schließlich Eintritt in die Welt der Worte. Bisher hatte sich Helena ganz spezielle Worte, die sie sich unbedingt merken und auch schreiben wollte, mit einer alten, in Rote-Bete-Saft getauchten Schreibfeder auf ihre Hand, Arminnenseiten etc. geschrieben, weil sie weder Tinte noch Papier besaß. Doch Descartes, der für seine Zeit eine sehr moderne Einstellung zur Rolle der Frau hat, gewährt ihr Zugang zu allem und entdeckt, dass Helena nicht nur sehr sprachaffin ist, sondern auch exzellent zeichnen kann. Ihre Begeisterung versucht sie auch auf ihre Freundin Betje, die ebenfalls als Magd arbeitet, zu übertragen und bringt ihr mit einer alten Tafel und Kreide Lesen und Schreiben bei.

Gegen den Strom

Descartes sucht immer häufiger Helenas Nähe und bald geschieht das Unvermeidliche: Sie verlieben sich gegen alle Konventionen und trotz des unüberbrückbaren Standesunterschiedes. Als Helenas Arbeitgeber, Mr. Sergeant, verreist, können sie ihre Beziehung unbeschwert leben, wenn auch nur hinter verschlossenen Türen. Doch dann wendet sich das Blatt: Als Helena entdeckt, dass sie schwanger ist und das Kind auf jeden Fall behalten will, erfährt sie die ganze Härte ihrer Zeit. Sie wird entlassen und sogar von ihrer eigenen Mutter verstoßen. Ihre Umgebung ächtet sie, und auch der wichtigste Mann in ihrem Leben ist auf einmal seltsam zurückhaltend. Doch Helena ist fest entschlossen, nicht klein beizugeben, aber die dominierende Männergesellschaft ihrer Zeit macht ihr immer wieder ganz deutlich klar, dass ihr als Frau klare Grenzen gesetzt sind und dass sie für ihr Leben gegen den Strom teuer bezahlen muss.

Wertlose Geschöpfe

Über das Goldene Zeitalter wußte ich vor Lektüre des Buches nicht sehr viel. Dieser Roman hat mir einen wirklich guten Überblick verschafft. Insbesondere die Rolle der Frau in der damaligen Zeit als wertloses, unsichtbares Geschöpf, die nur mit einem Mann an ihrer Seite eine Existenzberechtigung hat, wird von Glasfurd sehr eindringlich dargestellt. Als ihre Protagonistin Helena versucht, ihre Zeichnungen zu verkaufen, sagt man ihr unumwunden, dass man ihre Werke nur verkaufen kann, wenn sie ihren Namen entfernt, denn niemand kauft eine Zeichnung, die von einer Frau stammt.

Als Leser merkt man schnell, mit wie viel Liebe zum Detail die Autorin ihren Figuren und ihrer Zeit Leben eingehaucht hat. Und dies macht das Buch in meinen Augen auch zu einer so einzigartigen Lektüre.

Guinevere Glasfurd: Vom Blog zum Buch

Guinevere Glasfurd wuchs im Norden Englands auf und lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Cambridge. Zur Schriftstellerei kam sie über ihren Blog, den sie vor ca. 10 Jahren ins Leben rief und auf dem sie neben Erzählfragmenten auch ihre Kurzgeschichten veröffentlichte. Bereits ihre erste Erzählung wurde in der Literaturzeitschrift Mslexia veröffentlicht. Für eine weitere Erzählung erhielt sie sogar den TLC's Pen Factor Award. Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis sie sich an einen Roman wagte, der ihr wie eine Mammutaufgabe erschien. Entsprechende Unterstützung und Motivation erhielt sie von den renommierten Schriftstellerinnen Katharine MacMohan und Louise Doughty, die ihr mit Rat und Tat zur Seite standen.

Ein lohnenswertes Stipendium

Zur Realisierung ihres ersten Romans Worte in meiner Hand erhielt sie ein Stipendium vom Arts Council England, das es ihr neben dem Schreiben ermöglichte, an die Schauplätze ihrer Geschichte in Holland - u.a. Amsterdam, Deventer, Amersfoort - zu reisen. Für ihre weitergehenden Recherchen hat sie sich einen ganz besonderen Ort und ein Juwel unter den Bibliotheken ausgesucht - die Cambridge University Library. Hier studierte sie Hollands Goldenes Zeitalter, las René Descartes' aufschlussreiche Briefe, seine Correspondence, und stieß darüber hinaus sogar auf einige wenige Hinweise zu Helena Jans. Die Erkenntnisse ihrer exzellenten Recherchen hat sie meisterhaft in ihrem Roman verarbeitet. 

Ein unmöglicher Titel

Monika Boese, die Guinevere Glasfurd für Ullsteins Blog resonanzboden interviewte, konnte der Schriftstellerin eine kleine Anekdote im Hinblick auf den ursprünglichen Buchtitel entlocken. Die Autorin hatte sich für x y z entschieden. Doch sie war anscheinend die Einzige, die den Titel verstand, denn er bezog sich auf Descartes' Algebra-Bezeichnung für "das Unbekannte" und sollte als Bezug zu Helena Jans als die unbekannte Frau im Leben des Philosophen verstanden werden. Doch x y z stieß bei vielen auf Unverständnis, denn sie konnten mit dem Titel nichts anfangen und ihn auch keinem bestimmten Genre zuordnen. So entschloss sich Glasfurd schließlich, ihren Erstlingsroman Worte in meiner Hand zu nennen, der meines Erachtens hervorragend passt.

Guinevere Glasfurd arbeitet zurzeit an ihrem zweiten Roman, der den Titel The Index of Lost Colours tragen soll.2

Weitere Informationen über die Autorin findet ihr auf guinevereglasfurd.com.

Deutsche Ausgabe: Glasfurd, Guinevere. Worte in meiner Hand. Aus dem Englischen von Marion Balkenhol. Berlin: List Verlag/Ullstein Buchverlage GmbH, 2015.
Originalausgabe: Glasfurd, Guinevere. The Words In My Hand. London: Two Roads, Hodder & Stoughton, erscheint im Januar 2016.
Informationsquellen 1 und 2 zu Guinevere Glasfurd: Interview von Monika Boese im Blog des Ullstein-Verlages resonanzboden, 13. August 2015: http://www.resonanzboden.com/satzbaustelle/die-geschichte-musste-unbedingt-ihre-sein/