29. August 2015

Die Überlebende

Michel Bussi 
Das Mädchen mit den blauen Augen

Ein ganz besonderer Roman mit Sogwirkung

Dieser hochspannende, tragische und sehr berührende Roman von Michel Bussi ist ein ganz besonderes Leseerlebnis. Die ungewöhnliche Geschichte entwickelt gleich zu Beginn eine derartige Sogwirkung, dass man als Leser nicht anders kann, als sich uneingeschränkt auf sie einzulassen und sie bis zum völlig überraschenden und absolut unvorhergesehenen Ende nicht mehr aus der Hand zu legen.

Dies ist der erste Roman von Michel Bussi, den ich gelesen habe, und es wird definitiv nicht der letzte sein. Es gibt zwar viele gute Kriminalautoren, aber nur wenige, die Bussis literarische Ausdruckskraft haben. Er ist für mich ein wahrhaftes Ausnahme-talent in einem populären Genre, das für meinen Geschmack zu überfüllt ist.

Eine schreckliche Katastrophe und ein kleines Wunder

Die Geschichte beginnt 1980, als eine entsetzliche Flugzeugkatastrophe das vorweihnachtliche Jura erschüttert. Der Airbus 5403 von Istanbul nach Paris kollidiert mit einem Bergmassiv und explodiert. Alle 145 Passagiere sterben auf schreckliche Weise. Als die Rettungskräfte am Unfallort eintreffen, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Doch zwischen all den Toten macht ein Feuerwehrmann eine unglaubliche Entdeckung: Unter den Trümmern liegt ein kleines Baby, leicht verfroren, aber beinahe unverletzt. Nach öffentlicher Bekanntgabe dieses Wunders meldet sich der Großvater, Léonce de Carville, einer der mächtigsten Industriebosse Frankreichs, dessen Sohn Alexandre, Schwiegertochter Véronique und Baby-Enkelin Lyse-Rose de Carville an Bord der Unglücksmaschine waren. Doch als er seine Enkelin aus dem Krankenhaus abholen möchte, geht ein zweiter Anruf ein: Pierre Vitral, Imbissbudenverkäufer aus der Normandie, dessen Sohn Pascal, Schwiegertochter Stéphanie und Baby-Enkelin Emilie Vitral ebenfalls im Flugzeug waren. Schnell stellt man fest, dass auf der Passagierliste zwei Babys standen. Doch wer ist das überlebende Mädchen? Da es zur damaligen Zeit noch keine DNA-Analyse gab, scheint es unmöglich herauszufinden, zu welcher Familie das überlebende Baby mit den stechend blauen Augen gehört. Dies ist vor allem ein gefundenes Fressen für die Presse, die eine Schlagzeile nach der anderen bringt, als die Angelegenheit schließlich vor Gericht landet.

Ein Privatdetektiv auf der Suche nach der Wahrheit

Léonce de Carville versucht mit viel Geld und Einschüchterung, den Fall zu gewinnen, denn er ist überzeugt, dass es seine Enkeltochter Lyse-Rose ist, die die Katastrophe überlebte. Doch die Öffentlichkeit wendet sich auf einmal gegen ihn, den skrupellosen reichen Mann, der meint, mit Geld alles kaufen zu können. Seine Frau Mathilde engagiert schließlich den Privatdetektiv Crédule Grand-Duc, der Licht ins Dunkel bringen soll. Doch seine langjährige Suche verläuft im Sande und so beschließt er - ausgebrannt und verzweifelt - seinem Leben 18 Jahre danach ein Ende zu setzen. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er für das überlebende Mädchen, das sehr mit ihrer ungewissen Herkunft hadert, in einem Exposé zusammengefasst und wirft es an ihrem 18. Geburtstag in ihren Briefkasten. Doch gerade als er sich eine Kugel in den Kopf jagen will, fällt sein Blick auf die alte Zeitung mit der damaligen Schlagzeile, die ihm einen entscheidenden Hinweis auf die Wahrheit über die Identität des Babys gibt. Dieses Detail war ihm nie aufgefallen, obwohl er die Zeitung unzählige Male gelesen hatte. Voller Tatendrang macht er sich daran, seine Recherchen wieder aufzunehmen, aber dazu kommt es nicht mehr: Man findet ihn bald darauf tot in seiner Villa - brutal ermordet und völlig entstellt. Doch Marc, der Bruder des überlebenden Mädchens, das direkt nach ihrem 18. Geburtstag überstürzt ihr Zuhause verlassen hat, ist wild entschlossen, Grand-Ducs Recherchen zum Abschluss zu bringen, um die Identität seiner Schwester endgültig zu klären, nicht ahnend, dass er sich dabei in Lebensgefahr begibt, denn der Killer ist ihm bereits auf der Spur...

Viel mehr als ein atemberaubender Krimi

Ich habe in meiner o.g. Inhaltsbeschreibung bewusst den Namen des Mädchens nicht erwähnt, weil ich euch den Ausgang der Gerichtsverhandlung nicht verraten möchte. Zum anderen gibt es so viele unvorhergesehene Wendungen und Ereignisse, die ihr beim Lesen selbst entdecken müsst, denn sonst ist ja jegliche Spannung dahin. Und dieser Roman ist wirklich atemberaubend. Natürlich ist er in erster Linie ein Krimi, aber er hat auch eine Vielzahl von Facetten, die aus dem Genre fallen. Die scheinbar aussichtslose Identitätssuche des Mädchens steht zwar im Vordergrund, aber Bussi thematisiert auch die immer größer werdenden Klassenunterschiede der Gesellschaft, die Macht des Geldes und den damit einhergehenden wachsenden Einfluss der immens Reichen sowie die ihm gegenüberstehende Machtlosigkeit der Armen. Doch Bussi arbeitet nicht mit verblichenen Klischees: Er hält der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vor und zeigt eine Realität, die wir zwar kennen, aber nur ungern wahrhaben wollen. Aber an der Wahrheit kommt niemand vorbei - weder seine Romanfiguren noch seine Leser. 

Michel Bussi: Politologe, Geografie-Professor und Bestseller-Autor

Michel Bussi wurde 1965 in Louviers geboren. Er hat eine Professur in Geografie und lehrt an der Universität von Rouen. Still und leise ist der medienscheue Autor zum neuen Star der französischen Literaturszene avanciert. Die renommierte französische Zeitung Le Figaro listete ihn im letzten Jahr sogar auf Platz 8 der meistgelesenen französischen Schriftsteller. Allein in 2013 wurden 500.000 von Bussis Romanen, die mittlerweile in 22 Sprachen übersetzt werden, verkauft.  

Internationaler Durchbruch mit Das Mädchen mit den blauen Augen

Dabei kam seine Schriftsteller-Karriere nur sehr schleppend in Gang. Seine ersten Romanversuche in den 90er Jahren wurden von den Verlagen höflich abgelehnt. Als er 2005 nach Rom fuhr, um dort mit vielen anderen begeisterten Touristen auf den Spuren von Dan Browns Da Vinci Code zu wandeln, las er gleichzeitig eine Neuedition von Maurice Leblancs Geschichten um Meisterdetektiv Arsène Lupin. Und so kam ihm auch die Idee zu seinem ersten Roman Code Lupin, der in der Normandie, Bussis Lieblingsregion in Frankreich, spielt. Sein Erstlingswerk wurde von einem lokalen Universitätsverlag schließlich akzeptiert und 2006 veröffentlicht. Der internationale Durchbruch gelang ihm allerdings erst 2012 mit dem hier vorgestellten Roman Das Mädchen mit den blauen Augen.

Bussis Spezialität: Pageturner auf hohem Niveau

Bussi ist, wie viele Kriminalschriftsteller, ein großer Fan von Agatha Christie. Aber auch Autoren wie Ray Bradbury und insbesondere Serge Brussolo zählen zu seinen literarischen Vorbildern. Sein bevorzugtes Genre ist und bleibt der roman populaire. Auch bei seinen eigenen Romanen legt er großen Wert darauf, dass sie sehr dynamisch, das heißt fesselnd und schnell lesbar, aber gleichzeitig auf hohem Niveau sind. Seine Romanentwürfe gibt Bussi, der in einem unscheinbaren Stadtteil von Rouen lebt, sowohl an seine Professoren-Kollegen als auch an seine Arbeiter-Freunde weiter, da er auf deren Meinung großen Wert legt.

Auch in Deutschland auf Erfolgskurs

Bisher sind nur zwei Werke von Michel Bussi ins Deutsche übersetzt worden: Das Mädchen mit den blauen Augen (Un avion sans elle) und Die Frau mit dem roten Schal (N'oublier jamais). Letzterer Roman ist gerade in Deutschland erschienen und liegt schon auf meinem Stapel der noch ungelesenen Bücher. Sein neuestes Buch Maman a tort ist im Mai dieses Jahres in Frankreich publiziert worden. Ich hoffe, dass man ein Einsehen mit den deutschen Bussi-Fans hat und auch diesen Roman übersetzt, denn Bussis meisterhafter Schreibstil macht ihn zu einer ganz besonderen Neuentdeckung für die deutschen Leser.

Weitere Informationen über Michel Bussi findet ihr auf seiner Website www.michel-bussi.fr.

Originalausgabe: Bussi, Michel. Un avion sans elle. Paris: Éditions Presses de la Cité, 2012.
Deutsche Ausgabe: Bussi, Michel. Das Mädchen mit den blauen Augen. Aus dem Französischen von Olaf Matthias Roth. Berlin: Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, 2015.
Informationen über Michel Bussi:
Artikel von David Caviglioli: Michel Bussi, la nouvelle star. In: Le Nouvel Observateur. 23.02.2014:
http://bibliobs.nouvelobs.com/romans/20140220.OBS7143/michel-bussi-la-nouvelle-star.html

Mein herzlicher Dank gilt dem Aufbau-Verlag, Berlin, der mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

26. August 2015

Serientipp: "Death in Paradise"
Ein britischer Detective in der Karibik

© Edel AG
Brillante Krimiserie vor traumhafter Kulisse

Passend zum schwül-heißen Sommer stelle ich euch heute meine absolute Lieblings-Krimiserie vor: Death in Paradise. Diese britisch-französische Koproduktion, die seit 2012 auch im deutschen Fernsehen (zdf neo) zu sehen ist, zählt für mich zu den besten Serien der letzten Jahre, weil sie auf einem brillanten Konzept basiert: Jede der spannenden Krimi-Folgen ist mit einer Brise guter englischer Comedy gewürzt. Insofern ist Death in Paradise ein kleines Juwel für Freunde des britischen Humors, der die Serie umso sehenswerter macht. 

Einzigartige Mischung aus Crime und Comedy

Death in Paradise wurde nach einer Idee von Robert Thorogood realisiert, dessen Erstlingswerk gleich zu Beginn sehr erfolgreich war und es auch nach mittlerweile vier Staffeln immer noch ist. Die fünfte Staffel wurde bereits in Auftrag gegeben - ein Beweis dafür, dass die Zuschauer von dieser Serie nicht genug bekommen können. Gedreht wurde diese originelle Krimiserie übrigens auf der traumhaft schönen Insel Guadeloupe (Ortschaft: Deshaies), die in der Serie das fiktive St. Marie ist.

Living Hell

Der Londoner Detective Inspector Richard Poole (Ben Miller) wird auf die Karibikinsel St. Marie versetzt, um dort den Mord an seinem Kollegen aufzuklären. Ein Kulturschock für den pedantischen Briten, denn alles in diesem Paradies ist ihm einfach zuwider: Die Hitze, die Sonne, die Sandstrände und selbst das Meer sind für ihn die Hölle, und so versucht er, den Fall in kürzester Zeit zu lösen, um so schnell wie möglich wieder in sein geliebtes London zurückzukehren. Er denkt gar nicht daran, sich den karibischen Gegebenheiten anzupassen und verzichtet auch bei über 40 Grad nicht auf seinen altmodischen Anzug und seine Krawatte. 




© Edel AG

Das ihm zur Seite gestellte tiefenentspannte Team bestehend aus der erstklassigen Ermittlerin Camille Bordey (Sara Martins), Fidel Best (Gary Carr) und Dwayne Myers (Danny John-Jules), das der Inbegriff karibischer Lässigkeit und Lebensfreude ist, kann mit dem komischen Kauz zunächst nichts anfangen, doch schon bald erkennen sie, das hinter der undurchdringbaren Fassade des Erbsenzählers ein Mastermind steckt, der durch geniales Kombinieren den vertrackten Fall zum Erstaunen aller schließlich lösen kann und den Killer zur Strecke bringt. Als Poole nach getaner Arbeit im Geiste schon wieder auf dem Rückweg nach London ist, teilt man ihm zu seinem Entsetzen mit, dass er fortan als Chefermittler auf St. Marie bleiben muss. Eine Hiobsbotschaft für Poole, der seine Umgebung einfach nur fürchterlich findet. Und so quartiert er sich übellaunig in das kleine Haus seines verstorbenen Vorgängers ein, das direkt an einem wunderschönen Strand liegt - eine Horrorlocation für Poole, der Sand ganz besonders hasst. Aber es bleibt ihm nicht viel Zeit, um mit seinem Schicksal zu hadern, denn ein neuer Fall steht bereits an. Nach und nach lernt er sein Team zu schätzen und ganz besonders die schöne Camille, die von Pooles arroganter Art in keiner Weise eingeschüchtert ist, schafft es, zumindest zeitweise seine kühle Fassade zu durchdringen.



© Edel AG

Schon nach der ersten Folge war ich restlos begeistert. Dies lag vor allem an den einzigartigen Charakteren und den großartigen Schauspielern, die sie so gekonnt porträtieren. Allen voran Ben Miller, der Poole so hervorragend verkörpert, dass es eine wahre Freude ist. Miller überzeichnet seine Serienfigur bewusst, jedoch ohne sie ins Lächerliche zu ziehen oder sie zur Karikatur zu machen. Und dies ist auch ein Genuss für die Zuschauer: Mitzuerleben, wie dieser gefühlsarme Brite gegen seinen Willen ganz langsam auftaut, ohne dabei seine exzentrischen Eigenarten abzulegen, ist schon ein ganz besonderes Erlebnis. Ich kannte Ben Miller übrigens noch aus der wunderbaren Comedy-Reihe The Armstrong & Miller Show, die sich in England großer Beliebtheit erfreute und herrlich witzig ist.

© Edel AG
Sara Martins ist ebenso perfekt in ihrer Rolle als Camille Bordey, die neben Charme und Witz auch über einen ausgezeichneten Ermittlerspürsinn verfügt. Sie ist das feurige Pendant zu Poole, der primär ein Kopfmensch ist. Ein besonders gelungener Charakter ist auch Camilles Mutter, Catherine Bordey, die von Élisabeth Bourgine mit viel Herz und Esprit dargestellt wird. Catherine gehört eine trendige Strandbar auf St. Marie. Sie sucht immer noch nach einem geeigneten Mann für Camille, der das Verhalten ihrer Mutter oft peinlich ist. Bei Richard ist sie zwiegespalten: Einerseits verabscheut sie sein oftmals schlechtes Benehmen und sein Desinteresse an lokalen Bräuchen, aber andererseits kocht sie ihm sein geliebtes englisches Essen, weil sie weiß, dass sich hinter seiner rauen Schale eigentlich ein ganz netter Kerl verbirgt.

© Edel AG
Ergänzt wird Pooles Team noch von den beiden Polizisten Fidel und Dwayne. Während der junge Fidel sehr ernsthaft und beflissen ist und seine Karriere vorantreiben möchte, hat der ältere Dwayne die Arbeit nicht erfunden. Er feiert gerne, hat ständig wechselnde Freundinnen und macht auch mal ein Nickerchen im Büro. Aber er ist ein mindestens genauso guter Polizist wie Fidel und bedient sich zur Lösung von schwierigen Fällen schon mal gerne seiner dubiosen Kontakte.

Ein würdiger Nachfolger: Detective Inspector Humphrey Goodman

Als Ben Miller nach zwei Staffeln ausstieg, war ich sehr enttäuscht und dachte mir, dass die Serie ohne ihn nicht mehr dieselbe sein würde, doch sein Nachfolger, der britische Schauspieler Kris Marshall, der durch die Serie My Family bekannt wurde, ist ein würdiger Ersatz. Er spielt Detective Inspector Humphrey Goodman, der in Pooles Fußstapfen tritt, sehr pointiert.

© Edel AG
Im Gegensatz zu Poole ist Goodman sofort begeistert von der Insel, den Menschen und ihren Gebräuchen. Doch er ist ein totaler Chaot und bringt sein Team oft zur Verzweiflung. Er benutzt keinen altmodischen ledernden Schreibblock wie Poole, sondern notiert sich alles auf Servietten, was Camille schier wahnsinnig macht. Beim ersten Zusammentreffen mit seinen Mitarbeitern fällt er in seiner ungeschickten Art sogar aus dem Fenster, und sein Team erkennt schnell, dass sie nach Poole einen weiteren exzentrischen Briten zum Chef haben.

Mitreißender Soundtrack

Alles in allem ist Death in Paradise eine spannende und zugleich wunderbar leichte Krimiserie, die großes Suchtpotential hat. Besonders zu erwähnen ist noch der tolle Soundtrack, allen voran der jamaikanische Titelsong You're Wondering Now von The Specials, mit Stars wie Harry Belafonte, Sean Paul, Jimmy Cliff, Blondie u.v.m.

Staffeln 1 - 3 von Death in Paradise sind im Handel erhältlich. Wenn euer Schulenglisch gut ist, schaut euch die Folgen unbedingt auch auf Englisch an. Es lohnt sich!

Mein herzlicher Dank gilt der Edel AG, Hamburg, www.edel.com, und der Glücksstern-PR, Steinheim, www.gluecksstern-pr.de, die mir freundlicherweise alle o.a. Fotos inkl. DVD-Cover von Death in Paradise zur Verfügung gestellt haben.

22. August 2015

#wirbloggenbücher: Rosas Beitrag


Durch Zufall bin ich auf Twitter auf diese tolle Aktion gestoßen, die von Anika und Patrizia ins Leben gerufen wurde. Die beiden Initiatorinnen konnten einen riesigen Erfolg verzeichnen: Bis jetzt haben sie, wie Patrizia kürzlich twitterte, über 80 Buchbloggeschichten zusammengetragen - dieses Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen, aber es war ja auch eine brillante Idee. Die Anfrage richtet sich an alle Buchblogger, die anhand von drei fixen und zwei optionalen Fragen über ihre Gründe und Motivation, über Bücher zu bloggen, berichten sollen. Hier möchte ich mich gerne noch einreihen und poste euch nachstehend meine Antworten:

Was bedeutet für dich buchbloggen? Warum machst du das eigentlich?

Buchbloggen ist für mich ein wunderbares Hobby, das mir großen Spaß macht und einen wichtigen Ausgleich zu meinem Job schafft. Ich liebe Bücher und möchte meine Lesebegeisterung und -erfahrung mit anderen teilen. Wenn ich ein Buch gelesen habe, das mich restlos begeistert hat, dann möchte ich es auch kundtun und mich mit anderen Lesefans austauschen. Hinzu kommt, dass ich für mein Leben gerne schreibe - insbesondere über Bücher, Autoren und Literaturverfilmungen.

Wie bist du zum Buchbloggen gekommen? Was gab dir den Anstoß?

Zum Buchbloggen bin ich durch eine sehr gute Freundin gekommen, die mal so ganz nebenbei erwähnte, dass sie seit einiger Zeit nebenher auch bloggt. Ich habe mir dann ihren Alltagsblog mal angeschaut und dachte mir, das könnte ich auch, es müsste allerdings etwas mit Büchern sein. Und so habe ich dann unter Anleitung und mit der wertvollen und sehr geduldigen Unterstützung meiner Blogger-Freundin meinen Bücherblog A Million Pages ins Leben gerufen.

Welche Berührungsängste hattest du?

Keine - bis auf die rechtlichen Unsicherheiten. Ich habe anfänglich immer bei jedem Verlag nachgefragt, ob ich die entsprechenden Buchcover nutzen darf, bis ich dann feststellte, dass es in vielen Fällen unnötig war, da fast alle Verlage mittlerweile detaillierte FAQs oder sogar Informationen speziell für Blogger auf ihrer Website haben.  

Zeig uns doch deinen Buchblogger-Arbeitsplatz, dein Bücherregal, deinen liebsten Leseort, andere buchige Accessoires oder etwas, das für dich immanent wichtig ist zum Buchbloggen.

Ich zeige euch hier gerne meine buchigen Lieblingsaccessoires - die Elefanten-Buchstützen:








Denk daran zurück, wie Du angefangen hast: Welche Tipps würdest Du Buchblog-Anfängern geben?

Da ich ja erst kurze Zeit blogge, kann ich zunächst nur folgende Tipps geben: Man sollte nicht zu selbstkritisch sein und erst mal ein Buch so vorstellen bzw. rezensieren, wie man es für richtig hält. Durch die Lektüre anderer Bücherblogs ergibt sich auch die ein oder andere Idee, aber der eigene Stil ist das A und O. Mit der Zeit lernt man, wie man ein Buch am besten präsentiert, welche Zusatzinformationen man noch gibt etc.

Der zweite Tipp ist für mich die rechtliche Absicherung in Bezug auf Buchcover, Zitate, Gedichtsnachweise, Bilder etc. Nach regelrechten Abmahnwellen in Bloggerkreisen ist es zwingend notwendig, sich auch mit der rechtlichen Seite zu beschäftigen, denn es kann sehr teuer werden, wenn man gegen Copyright-Gesetze etc. verstößt.

Und mein letzter Tipp: Auch wenn ich Bloggen in erster Line als Hobby betrachte, so ist schon eine gewisse Disziplin erforderlich. Das heißt natürlich nicht, dass man strenge Regeln für sich aufstellt oder sich auch bei Krankheit vorausgabt. Regelmäßig zu posten, finde ich allerdings schon wichtig, damit auch eine gewisse Kontinuität für die Blog-Leser und Abonnenten gewährleistet ist. Eine Blog-Auszeit darf aber auch ruhig mal drin sein - dann ist man hinterher umso kreativer.


Viele Grüße 
                 Eure Rosa


O.a. #wirbloggenbücher-Grafik: © Anika und Patrizia

19. August 2015

Fataler Blackout

Paula Hawkins: Girl On The Train

Grandioser Thriller à la Hitchcock

Ich weiß nicht, wann mich das letzte Mal ein Buch derart in seinen Bann gezogen hat, das ich es in jeder freien Minute (sogar nachts) gelesen habe. Die literarische Neuentdeckung Paula Hawkins schreibt so wie Hitchcock seine Filme inszenierte: Zunächst ruhig und unspektakulär bis sich beim Leser ganz langsam Unbehagen einschleicht und schließlich das Böse in jedem kleinsten Detail zu lauern scheint. Das beispiellose Katz-und-Maus-Spiel, das diese Ausnahmeautorin mit dem Leser veranstaltet, ist schlicht großartig.

Hochspannung mit drei Perspektiven

Erzählt wird die außergewöhnliche Geschichte aus drei Perspektiven. Zunächst treffen wir auf die Protagonistin Rachel Watson, Anfang 40, die aufgrund ihrer Alkoholsucht alles verloren hat: Ihren Mann, ihre Freunde und zuletzt auch noch ihren Job. Nur ihre ehemalige Studienkollegin Cathy hat Mitleid mit ihr und lässt sie bei sich wohnen. Dass man sie gefeuert hat, erzählt Rachel Cathy allerdings nicht - zum einen weil sie sich schämt und zum anderen weil sie Angst hat, dass Cathy sie auf die Strasse setzen könnte. Und so fährt sie jeden morgen mit dem frühen Pendlerzug nach London, um die Fassade aufrechtzuerhalten. Während der Fahrt kommt sie immer an dem Haus vorbei, in dem sie einst mit ihrem Mann Tom lebte, bis dieser mit ihrer ständigen Trinkerei nicht mehr klar kam und sie für Anna verließ, mit der er jetzt eine Tochter hat. Diese Erinnerungen an glückliche Zeiten sind für Rachel sehr schmerzhaft und sie ertränkt sie, wie gewöhnlich, im Alkohol. Das Haus daneben hat es Rachel besonders angetan, denn dort lebt ihres Erachtens ein Bilderbuch-Paar (attraktive blonde Frau mit großem dunkelhaarigem Mann), das Rachel stets wehmütig beobachtet, wenn sie vorbeifährt. Sie beneidet das Paar um ihr Glück, das für sie in wenigen Gesten sichtbar wird, z.B. wenn der Mann seine Hände liebevoll auf die Schultern der Frau legt etc.). Rachel gibt ihnen sogar Fantasienamen - Jess und Jason - und versinkt in Tagträumen. Wenn sie nicht trinkt oder sich Geschichten über das Traumpaar ausdenkt, versucht Rachel, mit ihrem Ex-Mann Tom wieder Kontakt aufzunehmen, der mehr als genervt ist, wenn er hört, dass sie wieder sturzbetrunken ist und mit ihren diversen Blackouts kämpft.

Mysteriöse Beobachtung

Doch dann passiert etwas, das Rachel aus ihrem Alkoholnebel aufwachen lässt. Bei einer ihrer Pendlerfahrten beobachtet sie etwas Merkwürdiges: Sie sieht Jess in inniger Umarmung mit einem Mann, der allerdings nicht Jason ist. Rachel wird rasend wütend auf Jess, weil es ihr unverständlich ist, wie man einen so tollen Mann wie Jason betrügen kann. Ihre Fantasie- und Wahnvorstellungen ergreifen erneut Besitz von ihr, bis sie aus der Zeitung erfährt, dass Megan Hipwell - so der wirkliche Name von Jess - spurlos verschwunden ist. Ihr Mann Scott (Jason) hat sie daraufhin bei der Polizei als vermisst gemeldet. Rachel ist schockiert und ihre Verwirrung wächst. Sie wird von Albträumen gequält, und bei ihrer täglichen Zugfahrt kommen Erinnerungsfetzen zurück, die sie nicht einordnen kann und die sie aufs Tiefste beunruhigen. Ihr letzter Blackout scheint fatal: Wo war sie in der Nacht, als Megan verschwand? Sie wollte doch eigentlich nochmals zu Tom. Woher hat sie die Verletzung am Kopf und wer ist der rothaarige Mann, der ihr auf mysteriöse Weise zur Hilfe eilte?

Weitere Erzählstimmen und ein spektakuläres Ende

Als Rachels Welt sich in einer Abwärtsspirale zu drehen scheint, kommt eine neue Erzählerin ins Spiel: Megan Hipwell erzählt die Geschichte ihrer angeblichen Traumehe und enthüllt nach und nach ihr dunkles Geheimnis, das sie für immer traumatisierte. Die letzte Stimme ist Anna Watson, die neue Frau von Rachels Ex-Mann Tom, die ihre Sicht der Dinge erzählt. Und so wechseln sich Rachel, Megan und Anna mit ihren Erzählungen ab, bis uns schließlich die völlig überraschende und hochspannende Auflösung präsentiert wird, die nicht nur Rachel, sondern auch den Leser atemlos zurücklässt, denn das spektakuläre Ende des Romans hat es wirklich in sich.

Beispiellose Tour de Force

Dieser Thriller gehört für mich zu den besten, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Er ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Die Figur der Rachel ist ganz besonders gut gelungen. Ihre wirren Erzählungen sind eine Herausforderung für den Leser, denn sie ist eine äußerst unverlässliche fiktive Figur. Im Alkoholrausch erzählt sie ständig Dinge, die sie dann einige Seiten später wieder verwirft bzw. in Frage stellt, so dass man sich als Leser nie sicher sein kann, was Rachel tatsächlich gesehen oder erlebt hat. Und so müssen wir - wie auch Rachels Umfeld im Buch - genau lesen und versuchen, uns selbst ein Bild der Geschehnisse zu machen. Dieses undurchsichtige Puzzle zusammenzusetzen, ist nicht nur spannend, sondern vor allem sehr unterhaltsam. Ich habe mich oftmals dabei ertappt, wie ich - genau wie ihr Ex-Mann Tom - einfach angewidert von Rachel war und ihr Alkoholgefasel und ihr gingetränktes Selbstmitleid nicht mehr ertragen konnte. Doch genau dieses Gefühl relativiert sich, sobald Rachel sehr, sehr langsam wieder festen Boden unter den Füßen gewinnt und mit aller Macht versucht, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg - doch es ist mehr als lohnenswert, ihn gemeinsam mit Rachel bis zum Ende zu gehen.

Paula Hawkins: Renommierte Journalistin mit berühmten Vorbildern

Paula Hawkins wurde 1973 als Tochter eines Wirtschaftsprofessors und Finanzjournalisten in Zimbabwe geboren, wo sie auch aufwuchs. Im Alter von 17 zog sie mit ihren Eltern zurück nach London. Sie studierte Wirtschaft, Politik und Philosophie in Oxford und arbeitete nach ihrem Abschluss als Journalistin u.a. für die renommierte Times. Nachdem sie ca. 15 Jahre im journalistischen Bereich tätig war, wandte sie sich der Schriftstellerei zu und schrieb unter dem Pseudonym Amy Silver zunächst romantische Komödien, die sich jedoch nicht gut verkauften. Vor finanziellem Hintergrund entschloss sie sich schließlich, noch einen letzten Versuch als Schriftstellerin zu wagen und die Art Romane zu schreiben, die sie selbst gerne liest: Krimis und Thriller. Ihre großen Vorbilder sind Agatha Christie, Tana French, Gillian Flynn und insbesondere Donna Tart, der mit ihrem Werk Die geheime Geschichte ein Meisterwerk gelang.

Bestseller-Autorin über Nacht

Als Berufspendlerin verbrachte Paula Hawkins viel Zeit im Zug und kannte, wie ihre Protagonistin Rachel, jede Gegend und viele Häuser auf ihrer Strecke. Hier kam ihr auch die Idee zu The Girl On The Train, als sie sich fragte, was sie wohl täte, wenn sie eines Tages etwas Merkwürdiges aus dem Zugfenster beobachten würde. Die Geschichte und die Hauptfiguren, die sie daraufhin konzipierte, sind wirklich brillant. Mit diesem ersten Thriller stürmte sie die internationalen Bestseller-Listen in mittlerweile 45 Ländern inkl. den USA. Dies ist ein wahrhaft phänomenaler Erfolg für ein Erstlingswerk. Und als wäre dies nicht schon Erfolg genug, hat sich auch noch DreamWorks die entsprechenden Filmrechte gesichert. Ich bin schon sehr gespannt, was man aus dieser tollen Romanvorlage machen wird.

Orginalausgabe: Hawkins, Paula. The Girl On The Train. London: Doubleday/Transworld Publishers, 2015.
Deutsche Ausgabe: Hawkins, Paula. Girl On The Train. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. München: Blanvalet Verlag/Random House Gruppe, 2015.
Informationsquellen über Paula Hawkins:
1) Interview von Alexandra Alter: Welcoming The Dark Twist In Her Career. Paula Hawkins' Journey to "The Girl On The Train". In: The New York Times, 30.1.2015 - http://www.nytimes.com/2015/01/31/books/paula-hawkinss-journey-to-the-girl-on-the-train.html

15. August 2015

Die Frau in seinem Schatten:
Das tragische Schicksal der Zelda Fitzgerald

Erika Robuck: Call Me Zelda

Im Nachgang zu meiner Vorstellung des Klassikers Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald möchte ich euch auf ein großartiges Buch der amerikanischen Schriftstellerin Erika Robuck aufmerksam machen, deren vorherigen Roman Hemingway's Girl ich im letzten Jahr beim Stöbern in der Mayerschen entdeckt und euch bereits vor einiger Zeit empfohlen habe. Heute stelle ich euch ihr drittes Buch Call Me Zelda vor, das von Zelda Fitzgerald, F. Scott Fitzgeralds Frau, handelt und wieder meisterhaft geschrieben ist.

Erika Robucks Romane: Verknüpfung zweier Welten

Was mir an den Geschichten von Erika Robuck, die sich als historical fiction writer bezeichnet, so gut gefällt, ist, dass sie in ihren Romanen stets zwei Welten miteinander verknüpft - die eines/r berühmten Schriftstellers/in mit der eines "unbekannten" Menschen. Darüber hinaus sind ihre Romane stets exzellent recherchiert, und man erfährt sehr viel über die von ihr ausgewählten literarischen Persönlichkeiten und ihr Leben jenseits ihres Mythos. Sie vermischt Facts & Fiction so geschickt, dass der Leser glaubt, die von ihr erdachte Verknüpfung der beiden Charaktere hätte es wirklich gegeben. Die Schriftsteller/innen, die sie in den Fokus ihrer Romane stellt, sind detailliert skizziert, die Atmosphäre der jeweiligen Zeit ist brillant eingefangen. Alles in allem bieten Robucks Romane einen einzigartigen - manchmal verstörenden - Blick hinter die schillernde Fassade der literarischen Größen in Verbindung mit einem gelungenen Porträt ihrer Zeit.

Zelda Fitzgerald: Viel mehr als nur ein glamouröses Flapper Girl

Ich habe einige Biografien über F. Scott Fitzgerald gelesen und versucht, mir so ein Bild des exaltierten Schriftstellers zu machen. Seine Frau Zelda wird zumeist auf das glamouröse Flapper Girl reduziert, das als Muse und schmuckes Beiwerk an der Seite ihres berühmten Mannes die Titelseiten schmückt. Nach ihren diversen Nervenzusammenbrüchen und mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken drückte man ihr den Stempel "schizophren" auf und bedauerte ihren Mann, der Tag und Nacht schrieb, nur um ihre Arztrechnungen bezahlen zu können. Ich hätte es bei diesen Informationen belassen, wenn ich nicht die Biografie von Nancy Milford Zelda und Zeldas einzigen, durchscheinend autobiografischen Roman Save Me The Waltz gelesen hätte. Das Bild, das ich hier von Zelda und auch von F. Scott Fitzgerald erhielt, war ein völlig anderes. Es zeigt eine verzweifelte Frau, deren Mann alles tat, damit sie in seinem Schatten blieb, denn Zelda Fitzgerald war nicht nur eine äußerst begabte Balletttänzerin und Malerin - auch als Schriftstellerin war sie - sehr zum Missfallen ihres Mannes - ausgesprochen talentiert. Und so sabotierte F. Scott alle Versuche Zeldas, sich als Künstlerin zu etablieren, bis schließlich nichts mehr von ihr übrig war. Was bleibt sind ihr einzigartiger o.g. sehr aufschlussreicher Roman, ihre Briefe und einige ihrer ungewöhnlichen Bilder, die bereits zu ihren Lebzeiten ausgestellt wurden.

Auf dem Tiefpunkt

Hier setzt auch Erika Robucks Roman an. Der Leser begegnet Zelda auf dem Tiefpunkt ihres Lebens, als sie 1932 in die Phipps Psychiatric Clinic in Baltimore eingeliefert wird. Vom ersten Moment ihrer Begegnung fühlt sich die ihr zugeteilte Krankenschwester Anne Howard auf unerklärliche Weise mit Zelda verbunden, in deren Augen sie eine Leere erkennt, die ihrer eigenen ähnelt. Anne kann den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter nicht verwinden, die sie auf tragische Weise verloren hat, und stürzt sich in die Arbeit, um nicht von ihrer Einsamkeit erdrückt zu werden. Doch trotz ihres Engagements für die psychisch-kranken Menschen, die sie tagtäglich umsorgt, schafft sie es nicht, einen Neuanfang zu wagen. Sie ist völlig ausgebrannt und weigert sich, Erinnerungen zuzulassen. Ihre kleine Wohnung in einem Haus voller Künstler hält sie bewusst karg: Sie stellt keine Bilder ihrer Familie auf - nur ein altes Klavier erinnert an ihren verstorbenen Mann.

Seelenverwandte

Doch die Begegnung mit Zelda bringt Annes so kontrolliert-geordnete Welt ins Wanken. Sie erkennt schnell, dass Zelda nicht die hysterische Schizophrene ist, zu der ihr Mann sie gerne machen möchte. Zelda, die zu niemandem in ihrer Umgebung Kontakt aufbaut, fasst Vertrauen zu Anne. Als Anne merkt, wie schwer es für Zelda ist, ihre Geschichte zu erzählen, bittet sie sie, doch ihr Leben aufzuschreiben. Hierauf lässt sich Zelda ein und gibt Anne immer wieder persönliche Aufzeichnungen, die nur für ihre Augen bestimmt sind. Und so erfährt Anne, wie die unglamouröse Wirklichkeit des Celebrity-Paares aussieht: Scott ist schwerer Alkoholiker, der Zelda am laufenden Band betrügt und auch zur Gewalt neigt, wenn er getrunken hat. Nüchtern ist er angabengemäß der netteste Mann, den man sich denken kann - aber er trinkt fast jeden Tag. Zeldas Talente tut er gerne als Hobbies ab und legt ihr Steine in den Weg, wo er nur kann. Er übernimmt sogar ganze Passagen aus ihrem Tagebuch und baut sie in seine Romane ein. Zelda ist schockiert, denn sie weiß nun, dass es Scott war, der ihr Tagebuch entwendete, das sie lange verzweifelt gesucht hat. Doch es gibt auch liebevolle, sehr vertraute Momente zwischen den beiden, die Anne bei Scotts Besuchen immer wieder beobachten kann. Aber alles in allem bleibt Anne deren turbulente Beziehung ein Rätsel.

Heilende Erinnerungen

Und so langsam schleichen sich gegen Annes Willen lang unterdrückte Erinnerungen an ihren Mann und ihre Tochter ein, die sie schließlich zulässt. Sie stellt Bilder ihrer Lieben auf und spielt sogar auf dem alten Piano. Mit Zelda geht es ebenfalls aufwärts, so scheint es - sie schreibt weiter an ihrem Roman Save Me The Waltz und arbeitet auch mit den Psychiatern, insbesondere mit der aufgeschlossenen Ärztin Mildred Squires, zusammen. Gegen den ausdrücklichen Rat ihres Chefs, der freundschaftliche Beziehungen zwischen Krankenschwestern und Patienten für äußerst gefährlich hält, öffnet sich auch Anne gegenüber Zelda und erzählt ihr von ihrem Leben. Anne hält es für eine gute Idee, Zelda langsam wieder ins normale Leben einzugliedern und schafft es schließlich, selbst ihren skeptischen Chef zu überzeugen. Als Anne merkt, dass dies eine fatale Fehleinschätzung war, versucht sie alles Menschenmögliche, um Zelda zu helfen, aber zu ihrem Entsetzen muss sie erkennen, dass es keinen Weg zurück gibt...

Sehr berührender Roman mit lebensnahen Charakteren

Angesichts der Geschichte könnte man meinen, der Roman habe einen prinzipiell deprimierenden Touch. Doch das ist keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Er ist sehr berührend, aber gleichzeitig auch sehr lebendig, denn die Charaktere sind sehr lebensnah. Die tragische Geschichte Zeldas geht ans Herz, aber mitzuerleben, wie Anne aus ihrer selbstgewählten Isolation wieder neuen Lebensmut fasst und ein neues Glück findet, ist wunderbar. Für mich ist Call Me Zelda ein absolutes Must Read.

Bislang ist keiner von Erika Robucks Romanen ins Deutsche übersetzt worden, was mir völlig unverständlich ist. Ich bin mir sicher, dass sie auch hier bei uns sehr erfolgreich wären. Wer über gutes Schulenglisch verfügt, sollte sich auf jeden Fall an ihre Bücher trauen. Sie sind wirklich außergewöhnlich gut. Ich habe ihre völlig unterschiedlichen Romane alle gelesen und warte immer schon mit Spannung auf den neuesten. 

Erika Robuck: Bemerkenswerte Schriftstellerin mit einem Faible für Geschichte 

Die US-amerikanischen Schriftstellerin Erika Robuck wurde in Annapolis/Maryland geboren. Sie ist eine begeisterte Leserin und hat ein besonderes Faible für Geschichte. Ihr erstes Buch Receive Me Falling, dessen Veröffentlichung im Jahre 2009 sie selbst finanzierte, zählte zu den Finalisten des Best Book Awards der USA Book News im Bereich Historical Fiction. Der schriftstellerische Durchbruch gelang ihr 2012 mit Hemingway's Girl. 2013 folgte ihr hier besprochener Roman Call Me Zelda und 2014 Fallen Beauty, der von der faszinierend exzentrischen Dichterin Edna St. Vincent Millay handelt. Im Mittelpunkt ihres neuesten Buches The House of Hawthorne, der dieses Jahr erschienen ist, steht der renommierte amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne, der mit The Scarlett Letter (Der scharlachrote Buchstabe) 1850 einen der bedeutendsten Klassiker der amerikanischen Literatur schuf. 

Begeisterte Bloggerin

In ihrem Blog Muse bespricht Erika Robuck historische Romane. Sie schreibt außerdem für den Fiction Blog Writer Unboxed und ist Mitglied der Historical Novel Society, der Hemingway Society, der Millay Society und der Hawthorne Society.

Weitere Informationen über Erika Robuck findet ihr unter www.erikarobuck.com. Ihr könnt der Autorin auch auf Twitter unter @ErikaRobuck folgen. Sie gibt tolle Literaturtipps - ich habe schon einige ihrer Buchempfehlungen gelesen und war begeistert, denn auf diese Bücher wäre ich so nie gestoßen.

Originalausgabe: Robuck, Erika. Call Me Zelda. New York: Penguin Group/New American Library, 2013.
Book Cover: http://www.penguinrandomhouse.com/books/310633/call-me-zelda-by-erika-robuck/
Quelle 1 über Zelda Fitzgeralds Leben: Milford, Nancy. Zelda - A Biography. New York: Harper Perennial - Modern Classics, 2001.
Quelle 2: Fitzgerald, Zelda. Save Me The Waltz. London: Vintage Classics/Penguin Random House Group, 2011.

9. August 2015

Die Dekadenz des "Jazz Age"

F. Scott Fitzgerald:  
Der große Gatsby

Grandioser Klassiker der amerikanischen Moderne

Dieser Roman war der erste amerikanische Klassiker, mit dem ich mich zu Beginn meines Studiums beschäftigen musste, und er hat mich derart begeistert, dass ich nach und nach sämtliche Werke von F. Scott Fitzgerald gelesen habe. Sein einzigartiger Sinn für Sprache, sein außergewöhnlicher Schreibstil und seine unvergleichlichen Charaktere zeichnen ihn als brillanten Schriftsteller mit Weltrenommee und als exzellenten, kritischen Chronisten des Jazz Age aus. Kein anderer fing den Zeitgeist der wilden 20er Jahre, die Blütezeit der Künste und des künstlerischen Schaffens, die von wirtschaftlichem Wohlstand geprägt war, so gekonnt ein wie Fitzgerald. Niemand ging mit der moralischen Dekadenz, dem damit einhergehenden Werteverfall und der zunehmenden Sinnleere härter ins Gericht als dieser beeindruckende Autor, der die pervertierte Interpretation des amerikanischen Traums von Luxus und Überfluss der Schönen und Reichen dieser Zeit schonungslos offenlegte. Was seine Werke zeitlos macht, ist seine Sicht der menschlichen Natur, für die Erfolg und Geld zu den wichtigsten Maximen geworden sind, die die Sinnleere der Schnelllebigkeit füllen sollen. Dies hat sich - damals wie heute - als Trugschluss erwiesen.

Nick Carraway: Yale-Absolvent im neureichen West Egg

Der Erzähler von Der große Gatsby ist Nick Carraway, ein junger Mann aus Minnesota, der im Sommer 1922 nach New York zieht, um dort als Wertpapierhändler Karriere zu machen. Er mietet ein Haus in West Egg/Long Island, eine recht unpopuläre Gegend, in der hauptsächlich Neureiche leben, die ihren Luxus ungeniert zur Schau stellen. Nicks Nachbar ist der undurchsichtige, megareiche Jay Gatsby, um dessen Herkunft sich zahlreiche Gerüchte ranken. Seine extravaganten, glamourösen Parties, die er auf seinem gigantischen Anwesen ausrichtet, sind legendär.

Familienbande der gehobenen Klasse

Nick fühlt sich wie ein Misfit, der eigentlich gar nicht dort hinpasst. Er hat einen Abschluss in Yale und darüber hinaus Verbindungen zur etablierten gehobenen Klasse in East Egg/Long Island, die über die Neureichen die Nase rümpft. Dort besucht er eines Abends seine Cousine Daisy und ihren reichen Mann, Tom Buchanan, ein Studienkollege von Nick, und lernt außerdem Jordan Baker kennen, eine erfolgreiche Golferin und bildschöne Zynikerin. Jordan verrät Nick, dass Tom eine Geliebte namens Myrtle Wilson hat, die mit ihrem Mann in einer schäbigen Industriegegend, Valley of Ashes, lebt.

Der mysteriöse Nachbar auf Long Island

Eines Tages erhält Nick zu seiner großen Freude eine Einladung zu einer von Gatsbys Parties, wo er auch Jordan Baker wiedersieht, mit der er eine romantische Affäre beginnt. Und dann endlich trifft er auch den mysteriösen Gatsby, ein überraschend junger Mann mit englischem Akzent, der jeden "Old Sport" nennt. Er lässt Nick durch Jordan ausrichten, dass er Daisy von früher kennt und sie seine große Liebe ist. Er möchte sie unbedingt wiedersehen und bittet Nick, ein Treffen zu arrangieren. Nick lädt Daisy zu sich zum Tee ein, erwähnt aber nicht, dass Gatsby auch dort sein wird. Als die beiden aufeinandertreffen, ist Daisy zunächst schockiert, doch ihre Gefühle für Gatsby erwachen erneut, und sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre.

Jay und Daisy: Eine schicksalhafte Liebe

Doch das geheime Verhältnis der beiden bleibt nicht lange unentdeckt. Daisys gewalttätiger, misstrauischer Mann Tom schöpft bei einem gemeinsamen Essen sofort Verdacht, als er sieht, welche Blicke die beiden austauschen. Bei einem Trip nach New York stellt er Gatsby wutentbrannt zur Rede und erzählt Daisy, dass Gatsby ein Krimineller sei, der sein Vermögen mit Alkoholschmuggel und anderen dubiosen Aktivitäten gemacht hat. Daisy wendet sich daraufhin wieder Tom zu, da er der Upper Class angehört, was ihr letztendlich am wichtigsten ist. Tom teilt ihr jedoch unwirsch mit, sie solle mit Gatsby nach West Egg zurückfahren, während er sich mit Nick und Jordan auf den Weg macht. Doch dann geschieht ein folgenschwerer Unfall, der alles zunichte macht und Gatsbys Schicksal besiegelt... 

Gatsby: Undurchsichtiger Self-Made Man und sein verklärter Traum von Liebe

Mit Jay Gatsby ist F. Scott Fitzgerald eine einzigartige Romanfigur gelungen, die auf den ersten Blick die Verkörperung des American Dream zu sein scheint. Jung, gut aussehend und erfolgreich hat sich Jay Gatsby, der Junge aus ärmlichen Verhältnissen mit zweifelhafter Herkunft, einfach neu erfunden. Doch was macht Gatsby "groß"? Es ist nicht nur sein kometenhafter Aufstieg von Rags to Riches, sondern seine Fähigkeit, seine Träume in die Realität umzusetzen. Aber trotz seines unermesslichen Reichtums ist die innere Leere geblieben wie auch die Hoffnung auf Liebe, die er mit Daisy zu finden glaubt. Doch die Frau seiner Träume ist oberflächlich und wählt ihre Männer nach Reichtum und gesellschaftlichem Standing aus. Ein trauriges Fazit, dass er bis zum Ende nicht ziehen will, sondern sich lieber an die Traumvorstellung, die er von Daisy hat, klammert. Dies markiert für Gatsby den Anfang vom Ende, denn wie der einst auf bodenständigen moralischen Fundamenten basierende amerikanische Traum, der von Geld und Macht korrumpiert wurde, so scheitert auch Gatsby letzten Endes an seiner verklärten Sicht eines Traums von Liebe, den die Wirklichkeit längst eingeholt hat.

Drei sehenswerte Verfilmungen

Der große Gatsby ist bereits einige Male verfilmt worden. Ich möchte euch hier kurz drei Verfilmungen vorstellen, die ich für sehenswert halte. Die meisten von euch werden den Klassiker von 1974 mit Robert Redford, Mia Farrow und Sam Waterston unter der Regie von Jack Clayton (Drehbuch: Francis Ford Coppola) kennen. Mich hat der Film nicht überzeugt, obwohl alle Hauptdarsteller großartige Schauspieler sind, denn meines Erachtens fehlt hier die o.g. Essenz von Fitzgeralds Werk. Dennoch sollte man ihn gesehen haben, um u.a. die folgenden Verfilmungen besser beurteilen zu können. 

Die zweite Verfilmung mit Toby Stephens, Mira Sorvino und Paul Rudd aus dem Jahre 2000 unter der Regie von John Markowitz ist aus meiner Sicht recht gelungen. Der junge Toby Stephens interpretiert Gatsby vorrangig als romantisch-naiven Helden und lässt seine skrupellose Seite im Hintergrund. Mira Sorvino als oberflächliche Daisy ist ebenfalls gut besetzt. Der Film lebt von schönen Bildern und ist wirklich sehenswert.

Das absolute Highlight der Gatsby-Verfilmungen ist die Version meines Lieblingsregisseurs Baz Luhrmann von 2014 mit Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan und Tobey Maguire. Was für ein grandioses Filmerlebnis! Luhrmann spielt gekonnt mit den vielen Facetten des Gatsby-Charakters und genauso porträtiert ihn auch DiCaprio: weltmännisch, charmant, kaltschnäuzig, dandyhaft, skrupellos und mit einem versteckten Hang zur Romantik, den er nur bei Daisy offenbart. Carey Mulligan ist großartig als Daisy - sie macht es einem sehr schwer, sie zu mögen - so wie es auch im Buch der Fall ist. Gatsbys glamouröse Party setzt Luhrmann so gekonnt in Szene, dass man als Zuschauer - nicht zuletzt dank 3-D-Brille - das Gefühl hat, mitten im Geschehen zu sein. Dass der Soundtrack mit Musikgrößen wie Beyoncé, Lana del Rey etc. nicht aus den Roaring Twenties stammt, stört nicht - im Gegenteil: Es ist nicht zuletzt ein versteckter Hinweis darauf, dass die Figur des Gatsby auch durchaus in die heutige Zeit transferiert werden könnte, in der Geld und Luxus zelebriert werden. 

F. Scott Fitzgerald: Meisterhafter amerikanischer Schriftsteller der Extraklasse

Francis Scott Key Fitzgerald wurde 1896 in St. Paul/Minnesota geboren und nach seinem Vorfahren Francis Scott Key, dem Dichter der amerikanischen Nationalhymne, The Star-Spangled Banner, benannt. Obwohl er nur ein mittelmäßiger Schüler war, gelang ihm 1913 die Aufnahme an der renommierten Princeton University. Doch auch hier war er wenig erfolgreich, er veröffentlichte aber bereits einige Kurzgeschichten in der Unizeitung. 1917 verließ er die Universität ohne Abschluss und trat der US-Armee als Unterleutnant bei deren Eintritt in den 1. Weltkrieg bei. Er wurde auf die Militärbasis in Montgomery/Alabama versetzt, wo er die Südstaaten-Schönheit Zelda Sayre kennenlernte, in die er sich Hals über Kopf verliebte. Fitzgerald machte ihr bald darauf einen Heiratsantrag, den sie jedoch nur zögerlich annahm, weil Fitzgerald angeblich noch nicht genug Geld verdiente, um ihr ein adäquates Leben zu ermöglichen. Doch der Erfolg stellte sich nicht so schnell ein wie Fitzgerald hoffte. Und so löste Zelda die Verlobung, während Scott mit Hochdruck weiter an seiner Karriere als Schriftsteller arbeitete.

Der Fluch des frühen Erfolges

Doch dann bekundete der bekannte Scribner-Verlag Interesse an Fitzgeralds The Romantic Egotist und akzeptierte schließlich eine überarbeitete Version mit dem geänderten Titel This Side of Paradise, der 1920  in kurzer Zeit zu einem Verkaufserfolg wurde. Zelda willigte endlich ein, Scott zu heiraten, und so wurden sie zu einem der ersten Glamour-Paare ihrer Zeit. Sie schwelgten im Luxus, feierten exzessive Parties und zierten die Titelblätter sämtlicher In-Magazine der 20er Jahre. Sie bereisten Europa und trafen in Paris auf die Crème de la crème der bedeutenden Schriftsteller ihrer Zeit wie Ernest Hemingway, Henry James und Gertrude Stein. 1921 machte die Geburt ihrer Tochter Scottie ihr Glück perfekt.

Der Anfang vom Ende

Ein Jahr später erschienen bereits seine nächsten Werke The Beautiful and the Damned und Tales of the Jazz Age, doch zu seiner Enttäuschung konnte er nicht an den Erfolg seines ersten Romans anknüpfen. Sein 1925 veröffentliches Meisterwerk The Great Gatsby wurde von den Kritikern kaum gewürdigt, was sich auch im geringen Verkaufserfolg niederschlug. Fitzgeralds wachsender Alkoholkonsum wurde zunehmend zu einem Problem. 1927 begann Fitzgerald, für die Filmindustrie in Hollywood zu arbeiten, doch der große Erfolg blieb auch hier aus.

Zelda erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch und zeigte erste Anzeichen gravierender psychischer Probleme, so dass sie mehrere Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Dort schrieb Zelda ihren einzigen Roman Save Me The Waltz, der von Scribner 1932 veröffentlicht wurde und der letztendlich zeigte, dass sie viel mehr war, als nur die luxusbesessene Glamour-Frau an seiner Seite.

Als Scotts 1934 publizierter Roman Tender Is The Night wieder kein durchschlagender Erfolg wurde, verfiel er daraufhin gänzlich dem Alkohol. Seine Ehe mit Zelda war völlig zerrüttet, seine Tochter Scottie lebte im Internat. In den letzten Jahren seines Lebens lernte er Sheilah Graham kennen, die seine Lebenspartnerin bis zu seinem frühen Tod war.

F. Scott Fitzgerald starb an einem Herzinfarkt im Jahre 1940, als er an seinem neuen Roman The Last Tycoon arbeitete. Seine Frau Zelda kam 1948 auf tragische Weise bei einem Brand im Highland-Krankenhaus in Asheville ums Leben.

Fitzgeralds einzigartige Romane und ihr literarisches Gewicht wurden erst nach seinem Tode wiederentdeckt, und so erhielt er als einer der besten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten postum den Ruhm, den man ihm zu Lebzeiten versagte.

Tragischer Vertreter der Lost Generation

Sein kurzes, exzessives Leben machte ihn zu einem tragischen Vertreter der Lost Generation, ein Terminus, den die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein ("You are all a lost generation") im Hinblick auf die Respekt- und Zügellosigkeit sowie den Werteverfall der Nachkriegsgeneration des 1. Weltkriegs prägte und den schon Hemingway als Epigraph in seinem Roman The Sun Also Rises nutzte. F. Scott Fitzgerald erweiterte diesen Begriff um die Hoffnungslosigkeit seiner Generation und schrieb in seinem großartigen Roman This Side of Paradise: "Here was a generation...grown up to find all gods dead, all wars fought, all faith in man shaken.“

Aus seiner Sicht hatte er am Ende seines Lebens schriftstellerisch nichts erreicht. Seiner Frau Zelda schrieb er 1940, als man The Great Gatsby aus der Modern Library nahm: "...My God, I am a forgotten man"2. Es ist Ironie des Schicksals, dass er nicht lange genug lebte, um zu erkennen, wie unrecht er hatte.

Originalausgabe: Fitzgerald. F. Scott. The Great Gatsby. London: Penguin Classics / Penguin Group, 2010.
Deutsche Ausgabe: Fitzgerald. F. Scott. Der große Gatsby. Aus dem Amerikanischen von Kai Kilian. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2011.
Quelle1: Fitzgerald, F. Scott. This Side of Paradise. London: Penguin Classics / Penguin Group,  2010. Seite 259.
Quelle2: Bruccoli, Matthew J. (Editor) with Baughman, Judith S. Fitzgerald on Authorship. Columbia: University of South Carolina Press, 1996. S. 173.
Weitere Quelle zu F. Scott Fitzgeralds Leben und Werk: Prigozy, Ruth. F. Scott Fitzgerald. Woodstock/New York: Overlook Press, 2002.
Cover: www.anacondaverlag.com

4. August 2015

Der Zauber von Chanel

Niamh Greene:
Coco und das Geheimnis des Glücks

Ein herrlich erfrischender Roman

Dieses Buch von Niamh Greene, das ich euch heute vorstellen möchte, ist eine wunderbar beschwingte, witzige und zuweilen auch melancholische Lektüre. Der erfrischende Schreibstil der Autorin hat mich sofort gepackt, ich konnte den Roman nicht mehr aus der Hand legen. Coco und das Geheimnis des Glücks zählt zu den Büchern, die den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt nehmen und ihn dann glücklich und berührt wieder absetzen. Diese originelle Geschichte mit ihren einzigartigen Charakteren, die die Autorin so gelungen porträtiert hat, werde ich bestimmt nochmals lesen, auch wenn ich den Plot bereits kenne. Sie offenbart viele Wahrheiten, die die Zeit überdauern und alle Generationen ansprechen. Dieses zauberhafte Buch ist ein Muss - nicht nur für Chanel-Fans.

Eine Irin namens Coco

Die 32-jährige Coco Swan betreibt gemeinsam mit ihrer Großmutter Ruth einen Antiquitätenladen im irischen Dronmore. Als ihr Freund Tom beschließt nach Neuseeland auszuwandern, folgt sie ihm nicht, sondern beendet zum Erstaunen aller die Beziehung und zieht zurück in ihre kleine Wohnung über dem Geschäft. Coco ist ein Phänomen, wenn es um Antiquitäten geht. Sie erkennt auf Antikmärkten und Auktionen blitzschnell die wertvollsten Stücke und weiß, wie man verhandelt. Ihr Wissen hat sie vor allem von ihrer Oma, denn ihre Mutter Sarah, Freigeist und Weltenbummlerin, starb bei einem Unfall, als Coco nicht mal 13 Jahre alt war. Ihre Mutter liebte Paris und benannte ihre Tochter nach ihrem berühmten Vorbild, Coco Chanel. Doch damit hat sie ihr keinen Gefallen getan, denn Coco findet ihren Namen fürchterlich, weil er ihres Erachtens Erwartungen weckt, die sie nicht erfüllen kann. Sie ist weder hübsch noch mondän, und mit Mode hat sie schon gar nichts am Hut. In Jeans, T-Shirt und abgewetzten Stiefeln gibt sie viel lieber Kurse zur Do-it-yourself-Verschönerung von Antiquitäten.

Ein kostbarer Fund und eine alte Liebesbotschaft

Eines Tages ersteigert sie auf einer Auktion einen antiken Waschtisch zusammen mit einigen dazugehörigen Krimskrams-Kisten. In einer dieser Kisten findet sie eine alte Chanel-Handtasche, die Coco zunächst für eine Fälschung hält. Als sich jedoch herausstellt, dass sie echt und dazu noch einer der ersten Prototypen ihrer Art ist, fühlt sich Coco seltsam berührt und muss ständig an ihre Mutter denken, die ihr versprach, ihr einmal eine solche Tasche zu kaufen. Beim Durchstöbern ihres kostbaren Fundes findet sie einen vergilbten Liebesbrief. Coco ist daraufhin mehr als entschlossen, die Tasche ihrer ursprünglichen Besitzerin zurückzugeben. Doch die Suche gestaltet sich äußerst schwierig. Wo soll sie anfangen? Warum wirft eine Frau eine so wertvolle Chanel-Handtasche einfach weg? Cocos Welt steht plötzlich völlig auf dem Kopf, aber sie gefällt sich in der Rolle der Detektivin und stellt zu ihrem Erstaunen fest, wie kreativ sie sein kann. Aber dann muss sie zu ihrer großen Enttäuschung erfahren, dass die Tasche einer alten, sehr reichen Dame, Tatty Moynihan, gehörte, die kürzlich verstorben ist. Damit könnte Coco es gut sein lassen und die Tasche einfach behalten, wenn da nicht der wunderschöne Liebesbrief wäre, der ihr so ans Herz geht. Und so macht sie sich auf die scheinbar aussichtslose Suche nach dem namenlosen Absender des Briefes, die sie nicht nur nach Paris, die Stadt ihrer Namensgeberin führt, sondern auch viele Überraschungen bereithält, von denen sie nie zu träumen gewagt hätte...

Eine außergewöhnliche Geschichte mit liebenswert skurrilen Charakteren

Neben der wirklich originellen Geschichte mit einigen unerwarteten Wendungen haben mich vor allem die Charaktere begeistert. Die am besten gelungene Figur ist meines Erachtens Cocos coole 70-jährige Oma Ruth, die sich nach dem Tod ihres Mannes Toy Boy Karl, den städtischen Metzger, zugelegt hat. Immer stilsicher und ungemein lebendig, steht sie im krassen Gegensatz zur scheuen, introvertierten Coco, die sich am wohlsten in ihrer kleinen Antiquitätenwelt fühlt und sich nicht traut zu leben. Ein besonders skurriler, aber nicht minder liebenswerter Charakter ist Ruths biestige Schwester Anna, die immer noch Schwarz trägt, obwohl ihr Mann schon jahrelang tot ist und der Ruths Lebensfreude ein Dorn im Auge ist. Auch Cocos beste Freundin, die attraktive, stets topmodische Cat, die dem altbackenen Hotel ihres Vaters gegen seinen Willen neues Leben einhauchen möchte und mit der Erziehung ihres pubertierenden Sorgenkindes Mark an ihre Grenzen gelangt, ist eine Klasse für sich. Während meiner Lektüre habe ich ständig gedacht, dass man dieses Buch unbedingt verfilmen müsste, denn es ist wirklich spritzig und sehr unterhaltsam.

Niamh Greene: Bestseller-Autorin über Nacht

Niamh Greene ist gebürtige Irin. Sie studierte Englisch und Französisch am University College in Dublin, wo sie auch ihren B.A. machte. Sie arbeitete dann zunächst im PR- und Marketing-Bereich in der Verlags- und Tourismusbranche in Dublin, London und San Francisco. Doch die verschiedenen Jobs waren nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Daraufhin widmete sich die zweifache Mutter ganz der Schriftstellerei und war prompt erfolgreich. Alle ihre bisherigen fünf Romane wurden Bestseller in Großbritannien und Irland. Ihr Debütroman Ich werd' verrückt - Das Tagebuch einer ganz normalen Hausfrau (Secret Diary of a Demented Housewife) stieg sofort auf Nr. 1 der Bestsellerlisten und wurde für zwei irische Buchpreise nominiert. Ihr viertes Buch Rules for a Perfect Life schaffte es sogar in die italienischen Top Ten. Coco und das Geheimnis des Glücks (Coco's Secret) ist ihr sechster und neuester Roman und wird mit Sicherheit wieder die Bestseller-Listen erobern.

Zu den literarischen Vorbildern der Autorin zählen insbesondere Enid Blyton und Maeve Binchy, deren Bücher sie als junges Mädchen verschlang. Schon damals schrieb sie heimlich Kurzgeschichten, doch es war zu Beginn nur ein kurzweiliges Hobby. Im Online-Magazine writing.ie erfährt man in einem Artikel von Marèse O'Sullivan vieles über ihren Werdegang als Schriftstellerin und ihren aktuellen Roman Coco's Secret. Hier der Link: http://www.writing.ie/interviews/niamh-greene-shares-her-writing-secrets-with-marese-osullivan/.

Niamh Greene lebt mit ihrer Familie in Kilkenny/Irland. Weitere Informationen über die Schriftstellerin findet ihr auf ihrer Website www.niamhgreene.com.

Originalausgabe: Greene, Niamh. Coco's Secret. London: Penguin Books Ltd., 2013.
Deutsche Ausgabe: Greene, Niamh. Coco und das Geheimnis der Glücks. Aus dem Englischen von Karin Dufner. München: Wilhelm Goldmann Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2015.

1. August 2015

Dunkle Geheimnisse

Stephanie Lam: Das Haus der Lügen

Außergewöhnliches Erstlingswerk

Stephanie Lams Erstlingswerk ist ein außergewöhnlicher historischer Roman, dessen mysteriöse und fesselnde Geschichte sich in zwei Handlungssträngen entfaltet. Dieser Erzählstil gefällt mir sehr, denn ich mag es, wenn Vergangenheit und Gegenwart abwechselnd in Bezug zueinander gestellt werden. Dies ist Stephanie Lam bestens gelungen. Die von ihr erdachten Charaktere sind bis ins Detail ausgereift und beinahe lebensecht. Darüber hinaus hat die Autorin die spezielle Atmosphäre der unterschiedlichen Epochen - 1924 und 1965 - so brillant eingefangen, dass man als Leser ganz leicht zwischen den Zeiten wechseln kann und immer wieder in eine neue Geschichte eintaucht, bis alles zu einem stimmigen Ganzen zusammenfliesst. Alles in allem ist Das Haus der Lügen sehr packend und unterhaltsam mit einigen überraschenden Wendungen, die dazu verleiten, das Buch in einem Zug zu lesen.

Spuren der Vergangenheit

Die erste Geschichte des Romans spielt 1965 in der Küstenstadt Helmstone. Die 18-jährige Rosie Churchill, die überstürzt ihr Elternhaus verlassen hat, mietet sich in der einstmals glamourösen, aber mittlerweile heruntergekommenen Villa am Meer -  Castaway House - ein, wo sie sich ein Zimmer mit Val und Susan teilt. Da das Geld knapp ist und sie ihre Miete kaum zahlen kann, hilft sie Mrs. Hale, der Tochter des Dorfarztes, in deren kleiner Pension. Sie freundet sich mit Johnny und seiner Freundin Star, der Enkelin der mysteriösen Hausbesitzerin, an, die noch nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Nur langsam gewöhnt sich Rosie an ihre neue Umgebung - die Anrufe ihrer Mutter ignoriert sie, was niemand nachvollziehen kann. Da trifft sie den alten, verwirrten Dockie, ebenfalls Mieter in Castaway House, der nach Spuren seiner Vergangenheit sucht. Er war vor Jahren bewusstlos an den Docks gefunden worden ohne jegliche Erinnerung daran, wer er ist bzw. wie er dort hingelangte. Daher rührt auch sein Name Dockie. Er trägt immer ein sehr altes Foto bei sich, das Rosie seltsamerweise zu kennen glaubt. Als sie dann noch unter dem Fensterbrett ihres Zimmers die rätselhafte Einritzung Robert Carver ist unschuldig entdeckt, ist sie entschlossen, Dockie zu helfen, sein Erinnerungsvermögen zu reaktivieren. Doch überall stösst sie auf eine Mauer des Schweigens und ein Geheimnis, dessen Aufdeckung auch ihr Leben verändern wird...

Fatale Liebe

Schauplatz der zweiten Geschichte ist ebenfalls Helmstone im Jahre 1924. Der 19-jährige Robert Carver fährt zu seinem Cousin Alec Bray und seiner Frau Clara, um dort in Castaway House, deren imposante Villa auf den Klippen, den Sommer zu verbringen und sein Asthma auszukurieren. Doch der Empfang ist alles andere als herzlich: Alec, ein Bonvivant, der nicht mit Geld umgehen kann, vergisst, Robert am Bahnhof abzuholen und seine Frau Clara, von deren Existenz Robert bis dahin gar nichts wußte, teilt ihm unverblümt mit, dass sie ihn für einen Schmarotzer hält. Robert ist außer sich über die unverschämte Bemerkung, doch er genießt die Sommerzeit, zumal seine Gesundheit sich deutlich verbessert. Doch die Spannungen zwischen Alec und Clara werden immer größer, und ihre Auseinandersetzungen, bei denen Robert oftmals anwesend ist, häufen sich. Als Clara Castaway House immer öfter fernbleibt, ist Robert überzeugt, dass sie Alec betrügt, und so verfolgt er sie, um sie in flagranti zu erwischen. Doch zu seiner großen Überraschung entdeckt er, dass sich hinter Claras schroffer Fassade ein völlig anderer Mensch verbirgt, der ihm sogar sehr ähnlich ist. Robert fühlt sich gegen seinen Willen mehr und mehr zu ihr hingezogen, auch wenn er weiß, dass seine Liebe niemals eine Zukunft haben wird. Auch Robert ist Clara nicht gleichgültig, und so kommt es zu einer verhängnisvollen Affäre, die für alle dramatisch endet... 

Brillante Charaktere im Spiegel der Zeit

Dieser Roman lebt von den brillant gezeichneten Charakteren. Meines Erachtens sind Robert und Clara am besten gelungen. Ihre tragische Liebesgeschichte ist unkonventionell und sehr anrührend, aber niemals kitschig. Auch Alec als reicher Taugenichts ist sehr gut porträtiert, ebenso Rosie, deren kopflose Flucht aus dem Elternhaus einen schmerzlichen Hintergrund hat. Die mysteriöse Figur des alten Dockie, der zwischen Verwirrtheit und Erinnerung schwankt, ist in ihrer Widersprüchlichkeit besonders ansprechend. Dem Leser ergeht es wie Rosie: Er möchte unbedingt das Geheimnis um Dockies Identität entschlüsseln und begibt sich mit auf Spurensuche. Was er am Ende dann herausfindet, ist mehr als überraschend und lässt die exzellent konzipierte Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen.

Stephanie Lam: Ambitionierte Debüt-Autorin mit berühmtem Vorbild

Stephanie Lam wurde als Tochter einer Engländerin und eines Chinesen in London geboren, wo sie auch aufwuchs. Sie lebt heute in Brighton und unterrichtet hauptberuflich Englisch am Tinsley House Immigration Removal Centre.

Über ihre 14-jährige Durststrecke als Schriftstellerin bis hin zur Publikation von Das Haus der Lügen bei Penguin hat Stephanie Lam sehr ausführlich und ansprechend im Waterstones Blog berichtet. Mir war zwar bewusst, dass es für angehende Schriftsteller ein steiniger Weg ist, bis ein Verlag endlich ein Buch akzeptiert, aber dass es ein so langwieriger Prozess ist, dessen Erfolg stets davon abhängt, ob dem entsprechenden Literaturagenten die Geschichte nun gefällt oder nicht, hätte ich nicht gedacht. Vor diesem Hintergrund ist Stephanie Lams Durchhaltevermögen sehr beeindruckend. Aufzugeben war für sie nie eine Option, und am Ende hat sich ihre Hartnäckigkeit ausgezahlt. Hier der Link zum Blogartikel: https://www.waterstones.com/blog/fourteen-years-to-become-a-debut-novelist.

Zu den literarischen Vorbildern der Autorin zählt insbesondere Agatha Christie, deren Schreibstil, intelligente Plots und Sinn für Humor sie sehr schätzt. Lam bewundert auch Christies speziellen Sinn für Sprache, der sich ihres Erachtens dadurch auszeichnet, dass kein Wort verschwendet wird.

Ein absolutes Steckenpferd der Autorin ist das Erfinden fiktiver Städte wie z.B. Helmstone, die Stadt am Meer in ihrem hier vorgestellten ersten Roman. Ihr Tick geht sogar so weit, dass sie auch immer einen kompletten Stadtplan für die erdachte Stadt anfertigt (siehe Interview in Paragraph Planethttp://www.paragraphplanet.com/stephanie_lam_interview.php).

Stephanie Lam schreibt derzeit an einem neuen Roman, der wieder ein Pageturner werden soll.

Originalausgabe: Lam, Stephanie. The Mysterious Affair at Castaway House. London: Penguin Books, 2014.
Deutsche Ausgabe: Lam, Stephanie. Das Haus der Lügen. Aus dem Englischen von Andrea Brandl. München: Page&Turner/Wilhelm Goldmann Verlag/Verlagsgruppe Random House GmbH, 2015.