29. Juli 2015

Tödlicher Spuk

Árni Thórarinsson: Ein Herz so kalt

Gelungener isländischer Krimi mit Lokalkolorit

Ein Herz so kalt ist der erste isländische Kriminalroman, den ich gelesen habe, und er hat mir sehr gefallen. Es ist der fünfte Band von Thórarinssons erfolgreicher Krimireihe um Abendblatt-Reporter Einar, Protagonist und Anti-Held, der gemeinsam mit Kommissar Ólafur Gísli in vertrackten Mordfällen ermittelt. Der Roman ist kein Thriller im herkömmlichen Sinne, denn neben der Geschichte erhält der Leser viele Informationen über Island, die Isländer (inkl. der gängigsten Klischees) und ihre ganz spezielle Lebensart. Dies macht den Roman aber in keiner Weise langweilig, wie es bei vielen Büchern oft der Fall ist, wenn zu viele Zusatzinformationen in die Geschichte katapultiert werden. Im Gegenteil: Es ist ein rundum stimmiger und spannender Krimi, der bis zum Schluss fesselt und der dem Leser darüber hinaus den isländischen Alltag näherbringt.

Das Geisterhaus

Die Geschichte spielt in Akureyki im Norden Islands. Einar, Reporter beim Abendblatt, den man von Reykjavík in diesen zutiefst provinziellen Ort versetzt hat, steht mächtig unter Druck: Aufgrund des Sommerlochs lässt sich keine zugkräftige Titelstory finden, und sein Vorgesetzter droht ihm auch noch mit der Schließung der Zeitungsfiliale, wenn er die Auflage nicht steigern kann. Und so geht er gemeinsam mit Kollegin und Fotografin Joá denn auch nur widerwillig einem mysteriösen Telefonanruf einer unbekannten Frau nach, die behauptet, dass es in einem verlassenen Haus spuken würde. Nachdem sich beide dort umsonst die Nacht um die Ohren geschlagen haben, ist Einar mehr als frustriert. Doch der Besuch seiner Tochter Gunnsa und ihrem Freund Raggi muntert ihn wieder auf. Zeitgleich findet auch noch das jährliche Festival in Akureyki statt, und die kleine Stadt und ihre Bewohner sind außer Rand und Band. Und als wäre das nicht alles schon Aufregung genug, erwartet man mit Spannung die Ankunft der US-Stars Kimberly Adams und Jack Mitchell inkl. ihrer Crew, die  - sehr zum Missfallen der Einwohner Akureykis - dort einen erotischen Hollywood-Thriller drehen wollen. Auch Einar ist hier keine Ausnahme: Er kann die Begeisterung seiner Tochter und ihres Freundes über den prominenten Besuch überhaupt nicht nachvollziehen, und der hysterische Trubel ist ihm zuwider.

Ein grausiger Fund

Die geheimnisvolle betrunkene Anruferin, die nur mit Einar sprechen will, lässt jedoch nicht locker. Sie hinterlässt ihm eine rätselhafte Nachricht Pandora hat ihre Büchse geöffnet und bittet ihn, nochmals zu dem leerstehenden Haus zu fahren. Etwas in ihrer Stimme beunruhigt Einar, so dass er beschließt, Kommissar Gísly zu informieren und mit ihm dort hinzufahren. Zu ihrem Entsetzen machen sie dort einen grausigen Fund: Sie entdecken die Leiche eines jungen Mädchen in einer Badewanne, in deren Faust ein Zettel mit der Aufschrift Pass auf Dich auf, Schätzchen steckt. Es gibt keine Hinweise, die Identifizierung des Opfers gestaltet sich als äußerst schwierig. Somit bleibt Einar keine Wahl: Er muss einem Treffen mit der Anruferin zustimmen, um weitere Hinweise zu erhalten. Doch auch dies scheint eine Sackgasse zu sein: Victoria ist Alkoholikerin, die gerade eine Entziehungskur macht, und damit nicht die verlässlichste Quelle, aber Einars Bauchgefühl sagt ihm, dass er auf sie bauen kann.

Gefährliche Undercover-Recherchen

Doch dann verstummt Victoria und gegen alle Widerstände ermittelt Einar undercover in Victorias Entzugsklinik. Dies ist für ihn keine leichte Übung, denn Einar hat schon länger ein Alkoholproblem und ist noch nicht lange trocken. Seine Ermittlungen bringen ihn in höchste Gefahr, aber seine Recherchen geben ihm schließlich einen überraschenden Hinweis auf Victorias wahre Identität. Doch kann er auch den Killer entlarven, den scheinbar nichts und niemand aufhalten kann?

Reporter Einar: Verschroben-sympathischer Antiheld

Thórarinssons Protagonist Einar ist kein Superreporter, sondern eher ein Antiheld. Geschieden, ex-alkoholabhängig und leicht verschroben kämpft der Vater einer aufmüpfigen Tochter mit den alltäglichen Problemen und insbesondere um seine ins Stocken geratene Karriere. Und genau das macht ihn zu einem nur allzu menschlichen Protagonisten - auch wenn er zugegebenermaßen schon ein komischer Kauz ist. Als Leserin fand ich Einar sofort sympathisch - mit all seinen Macken - und bin gerne in seine Gedankenwelt abgetaucht, was allein für sich schon ein Abenteuer ist.

Árni Thórarinsson: Renommierter Journalist und einer der Väter und Initiatoren der isländischen Kriminalliteratur

Der isländische Autor Árni Thórarinsson wurde 1950 in Reykjavik geboren, wo er auch heute noch lebt. 1973 machte er seinen B.A. in Literatur an der University of East Anglia in Norwich/England und arbeitete danach zunächst erfolgreich als Journalist für Zeitung, Radio und TV. Insbesondere seine Filmkritiken fanden Anklang, so dass man ihn 1989 auch in den Board des Reykjaviker Filmfestivals berief.

Erfolgreiche Krimireihe mit einem ungewöhnlichen Protagonisten

In den neunziger Jahren war er einer der Väter bzw. Initiatoren der isländischen Kriminalliteratur. Sein erstes Werk Die verschwundenen Augen war auch der erste Band mit seinem Protagonisten Einar und wurde 1998 veröffentlicht. Mit seinem vierten Band Totengott erreichte er internationale Aufmerksamkeit. Sein letztes Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde, war Ein Herz so kalt. In der Zwischenzeit hat er noch weitere Romane veröffentlicht, von denen es aber leider noch keine deutsche Übersetzung gibt.

OriginalausgabeThórarinsson, Árni. Dauði truðsins. Reykjavik: JPV útgáfa, 2007.
Deutsche Ausgabe: Thórarinsson, Árni. Ein Herz so kalt. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. München: Droemer Verlag/Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, 2013.

26. Juli 2015

Meeresfrische Auszeit in Büsum



Erholung pur

Da bin ich wieder! 14 wunderschöne Tage habe ich in Büsum, meinem absoluten Lieblingsort an der Nordsee, verbracht und bin total relaxt. Nach dem Temperatur-Auf-und-Ab und der fürchterlich schwülen Hitze in NRW war Büsum mit angenehmen 20 - 25 Grad das reinste Paradies. Ich bin ja ein Nordlicht und war schon auf vielen Inseln wie Amrum und Föhr oder auch auf Usedom an der Ostsee, aber in Büsum habe ich mich gleich zuhause gefühlt. Die kleine Hafenstadt ist ruhig und lebendig zugleich. Wenn man einfach mal seine Ruhe haben möchte, ist man hier genau richtig. Wenn man feiern will, kann man das in Büsum auch: Die jährliche Kutterregatta, das Hafenfest oder die Rockkonzerte am Strand mit u.a. den Simple Minds sind absolute Highlights, und die Stimmung ist grandios. Auch an Lesebegeisterte hat man in Büsum gedacht: Die große Buchhandlung Scheller Boyens ist sehr gut sortiert und darüber hinaus eine kleine Fundgrube für besondere Bücher. Die Criminale, eine der wichtigsten Krimimessen, fand ebenfalls mit großem Erfolg in diesem Jahr in Büsum statt.

Einfach mal relaxen

Lange Deich- und Meerspaziergänge sind für mich das Schönste. Der neue, höher gelegte Deich ist toll geworden. Dort oben wird man so richtig schön durchgepustet, denn der Wind ist heftig. Genau mein Wetter! Die daran angrenzende Meeresplattform, wie ich sie nenne, geht direkt in die Nordsee, und zwar in langen Treppen und sog. warmen Stufen, die aufgrund ihrer besonderen Konsistenz immer angenehm angewärmt sind - egal wie kalt es ist. Hier kann man wunderbar den Abend ausklingen lassen und den Sonnenuntergang genießen.


Wattwandern, Strandgymnastik und hawaiianische Massage

Ein besonderes Highlight ist für mich das Wattwandern. Da kommt der Kreislauf so richtig schön in Schwung. Zuerst ist es allerdings erst mal bitterkalt, so dass ich reflexartig meine Schuhe wieder anziehen möchte, aber nach einer Weile tut es so gut, und man bekommt eine tolle Durchblutung. Man kann entweder auf eigene Faust wandern oder aber an geführten Wattwanderungen teilnehmen. Seit neuestem gibt es sogar Wattwandern mit Musik - ein bisschen schräg, aber es macht Spaß. Und wer nach dem Wandern noch nicht müde genug ist, der kann noch mehrmals in der Woche Gymnastik am Strand machen. Da ich leider jobmäßig viel zu viel sitze, bin ich für solche Angebote immer sehr dankbar. Wenn ich dann nach dem Wandern, Spazierengehen etc. einfach nur noch relaxen möchte, gehe ich ins Vitamaris, das Gesundheits- und Thalassozentrum, und gönne mir eine hawaiianische Lomi Lomi Massage mit optimal hautverträglichen Ölen wie Traubenkernöl, Mandelkern- oder Sesamöl. Das ist total entspannend, und die Haut wird ganz seidig.

Büsum: Mix aus Tradition und Moderne 
 
Büsum ist eine gelungene Mischung aus Tradition und Moderne. Urige Kneipen im alten Seemannsstil und Cafés mit Long Island Flair machen die spezielle Atmospäre des Hafenortes aus. Ein solches Café und meine absolute Lieblingslocation ist Wiebkes Taste it. Dort bekommt man nicht nur den besten Latte Macchiato und Milchkaffee, sondern auch die leckersten Waffeln und ungewöhnlichsten Pfannkuchen (mein Tipp: Bad Girl Pfannkuchen mit Barbecue-Sauce, Salami, Käse etc.). Die Einrichtung ist ein ansprechender Mix aus Long Island- und traditionellem Küstenstil. Die Schwarz-Weiss-Bilder alter Fischer und bunten Küstenfotos, die angestrahlt werden, sorgen für den Wohlfühlfaktor. Die Inhaberin Wiebke, ihr Mann und ihr Team sind super nett und haben für jeden Gast ein offenes Ohr - auch wenn es noch so voll ist (und es ist immer voll!). Das Taste it ist auf jeden Fall einen oder besser viele Besuche wert. 



Cocktails in der Haifisch-Bar und Fisch, Fisch, Fisch

Schräg gegenüber ist die urige Haifisch-Bar. Dort gibt es leckere Tapas, ofenfrische Pizza und in der Happy Hour tolle Cocktails (auch alkoholfrei). Von außen etwas unscheinbar - bis auf den Haikopf, der herausragt - versprüht sie abends Tropenflair mit Bastdach inbegriffen :). Ein Besuch der Bar lohnt sich, denn die leckeren Cocktails sind ein Genuss.

Wenn ich auf Büsum bin, esse ich seltsamerweise nur Fisch, obwohl ich ansonsten auch eine fleischfressende Pflanze bin. Ob Scholle, Rotbarsch, Seezunge oder Krabben - da probiere ich alles - außer Muscheln. Den besten Fisch gibt es übrigens in Uwes Restaurant direkt neben der Haifisch-Bar: Es ist sehr gemütlich, und der Fisch ist eine Klasse für sich.

Across the Sea



Wenn ihr so wie ich gerne mit dem Schiff fahrt. gibt es hier zahlreiche Möglichkeiten: Eine Küstenfahrt, einen Ausflug zu den Robbenbänken, einen Tagesausflug nach Helgoland, eine stimmungsvolle Abendfahrt oder die Ladies' und die Captain's Night. Da ich schon mehrere Male in Büsum war, habe ich schon fast alle Fahrten mitgemacht. Am besten hat mir aber der Trip mit dem Fangboot gefallen, da geht's dann morgens früh mit den Fischern hinaus aufs Meer, und anschließend wird den Mitfahrenden dann gezeigt, wie man Krabben pult. Das hat sehr viel Spaß gemacht!

Alles in allem war es ein wirklich erholsamer Urlaub. Hier noch einige Impressionen bzw. Fotos inkl. der alten Persil-Uhr, ein beliebter Treffpunkt am Hafen:




Und natürlich habe ich in meinem Urlaub auch wieder viel gelesen - eine wilde, bunte Mischung. Freut euch auf diverse Rezensionen außergewöhnlicher Bücher wie Girl on the Train, Herrlichkeit, Haus der Lügen, Call Me Zelda, Die gleißende Welt, The Curiosity u.v.m. Den Anfang macht nächste Woche der Island-Thriller Ein Herz so kalt von Árni Thórarinsson.

Viele Grüße
                  Eure Rosa

Alle o.a. Fotos unterliegen dem Copyright von A Million Pages.

21. Juli 2015

Zeit für Poesie

 

 Julinacht 


Die Mondeslichter rinnen
Aus sterndurchsprengtem Raum
Zur regungslosen Erde,
Die müde atmet kaum.

Wie schlummertrunken schweigen
Die Linden rund umher,
Des Rauschens müde, neigen
Herab sie blütenschwer.

Nur manchmal, traumhaft leise,
Rauscht auf der Wipfel Lied,
Wenn schaurig durchs Geäste
Ein kühler Nachthauch zieht.

Mein Herz ist ruh-umfangen,
Ist weltvergessen still,
Kein Sehnen und Verlangen
Die Brust bewegen will.

Nur manchmal, traumhaft leise,
Durchzieht der alte Schmerz,
Wie Nachtwind durchs Geäste,
Das müdgeliebte Herz.


Felix Dörmann (1870-1928)


Quelle: Dörmann, Felix. Neurotica/Sensationen: Gedichte. Sammlung Hofenberg. Berlin: Verlag der Contumax GmbH & Co. KG, 2014. S. 57.

6. Juli 2015

Zerfließende Identitäten

Daniel Kehlmann: Ruhm

Daniel Kehlmanns Romane sind ein Leseerlebnis, aber zugleich auch eine Leseherausforderung. Ich muss gestehen, dass ich mich zuerst gar nicht an seine Werke herangetraut habe, weil man ihn als experimentellen Schriftsteller bezeichnet und sich mir experimentelle Literatur einfach nicht erschließt. Ich finde hier keinen Zugang und werde als Leser auch ungern involviert bzw. direkt angesprochen. Aber am Ende hat meine Neugier gesiegt, und ich wollte einfach noch mal einen letzten Versuch wagen. Gut, dass ich es getan habe, denn Daniel Kehlmanns Roman Ruhm ist schlicht brillant.

Auf Entdeckungsreise in einem einzigartigen Roman

Der Roman besteht aus neun Geschichten, die alle völlig unterschiedlich, aber auf sehr kluge Weise miteinander verwoben sind. Ich habe die Geschichten drei Mal gelesen und immer wieder neue Details entdeckt, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren. Zu meiner Überraschung hat mir diese Entdeckungsreise großen Spaß gemacht, und ich möchte euch daher dieses Buch wirklich wärmstens empfehlen.

Ein verschmelzendes Mosaik von Identitäten

1. Stimmen

Die erste Geschichte handelt von IT-Techniker Ebling, der im Grunde seines Herzens ein Technik-Gegner ist. Er hat noch nicht mal ein Handy, denn in seinen Augen sind sie aufgrund ihrer Strahlung einfach nur schädlich. Doch schließlich lässt er sich doch zum Kauf eines Smartphones überreden, nicht ahnend, dass dies seine Welt völlig auf den Kopf stellen wird. Die Anrufe, die auf seinem Handy eingehen, sind nicht für ihn - alle Anrufer fragen nach einem gewissen Ralf, der ziemlich wichtig und viele Frauen zu kennen scheint. Zunächst ist Ebling äußerst irritiert, doch dann nimmt er die Rolle des ihm unbekannten Ralf an und findet auch noch Spaß daran. Doch dieses Spiel ist nicht so harmlos, wie es scheint...

Ein Stück vom Ruhm

Der Aufbau der Geschichte scheint simpel, ist aber sehr vielschichtig. Das Phänomen, das Kehlmann hier beschreibt, kennen wir seit dem Internet: In der Anonymität gehen wir aus uns heraus, denn wir haben nichts zu verlieren, können nicht versagen, uns nicht lächerlich machen. Der nichtssagende und kommunikationsarme Ebling kann am Handy alles sein: Frauenheld oder erfolgreicher Geschäftsmann. Die Rolle des Fremden anzunehmen, macht sein eigenes Leben zu einem Abenteuer. Eine sehr klug konzipierte Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe.

2. In Gefahr

Die Hauptfigur dieser Geschichte ist der überängstliche Schriftsteller Leo Richter, der mit seinen ausgefallenen Erzählungen über die Ärztin Lara Gaspard oder die alte Dame Rosalie sehr erfolgreich geworden ist. Seine Lebensgefährtin Elisabeth, die sehr engagiert bei Ärzte ohne Grenzen ist, begleitet Leo zu einer Lesereise nach Lateinamerika, als sie erfährt, dass drei ihrer Kollegen entführt wurden. Leo kämpft mit seinen eigenen Problemen: Er hasst Lesereisen und das ganze Drumherum und entschließt sich, seine Kollegin, die Krimiautorin Maria Rubinstein, zu bitten, eine andere Lesereise nach Zentralasien für ihn zu übernehmen.

Der egomanische Künstler

Selten hat mich ein Protagonist so unglaublich genervt wie Schriftsteller Leo Richter. Kehhlmann hat ihn brillant gezeichnet - ein lebensängstlicher Künstler und Egomane, der seinem Umfeld und vor allem seiner Partnerin sehr viel abverlangt, denn in seiner Welt zählt nur er. Richters Art, sich mitzuteilen, hat Kehlmann sprachlich exzellent umgesetzt. Als Freundin Elisabeth schließlich der Kragen platzt und sie ihm in aller Deutlichkeit ihre Meinung sagt, spricht sie dem Leser aus der Seele. Eine sehr gelungene Story.

3. Rosalie geht sterben

Die alte Dame Rosalie, eine ehemalige Lehrerin, die unheilbar an Krebs erkrankt ist, entschließt sich, in der Schweiz mittels Sterbehilfe ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch Rosalie, eine Figur aus Leo Richters Geschichte, ist nicht gewillt, sich dem Schicksal, dass der Autor sich für sie erdacht hat, zu ergeben und versucht mit allen Mitteln, ihn von einem anderen Verlauf der Geschichte zu überzeugen. 

Ungewöhnlicher Dialog zwischen Protagonistin und Autor

Die Geschichte hat mich anfangs irritiert, denn ich konnte zunächst nicht nachvollziehen, dass Rosalie als fiktive Figur zu Autor Leo Richter spricht, nachdem die Geschichte im "normalen" Erzählmodus begonnen hatte. Doch Kehlmann gelingt dieser Übergang wirklich gut, so dass ich diese bizarre Geschichte am Ende gut konstruiert fand.

4. Der Ausweg

Ralf Tanner, berühmter, aber nunmehr ziemlich abgehalfterter Schauspieler, ist von seinem Leben angewidert, seine öffentliche Identität macht ihm schwer zu schaffen. So nimmt er eines Tages an einem Imitatorenwettbewerb teil und tritt als sein eigenes Double auf - dies zu seiner großen Überraschung jedoch nur mit mäßigem Erfolg, denn ein anderer Teilnehmer wird vom Publikum als um Längen besser eingestuft. Niemand erkennt Tanner als den, der er ist, doch das stört ihn noch nicht mal, im Gegenteil: Ihm gefällt die Anonymität. Das Einzige, das ihn irritiert, ist, dass sein Handy nicht mehr zu funktionieren scheint, denn es kommen keine Anrufe mehr für ihn an. Tanner, der eine Villa nebst Butler hat, mietet sich unter dem Namen Matthias Wagner ein kleines Zimmer in einem unbedeutenden Stadtteil. Doch sein Spiel wird ernst, als er bemerkt, dass sein Double seine Rolle und damit auch sein Leben übernommen hat...

Kein Weg zurück

Dies ist für mich eine der besten Geschichten der Romans, denn sie zeigt, wie Berühmtheit und Öffentlichkeit an Menschen zehren, wie sie aufbauen und vernichten. Sie macht deutlich, wie Menschen ihre Identität durch ihr selbst konzipiertes Image, dem sie nie gerecht werden können, Stück für Stück verlieren. Auch zeigt sie auf bizarre Weise, dass es hier keinen Weg zurück gibt.

5. Osten

Krimiautorin Maria Rubinstein, Leo Richters Kollegin, nimmt die Lesereise nach Zentralasien für ihn wahr. Sie absolviert das strenge und ermüdende Einladungsprogramm, bis sie plötzlich von der Reisegruppe vergessen, isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten wird. Ihr Handy hat keinen Empfang, und so muss sie ums Überleben in einer ihr fremden Welt kämpfen, in der sie niemand kennt... 

Das mysteriöse Verschwinden einer Krimiautorin

Diese Geschichte ist beklemmend und klaustrophobisch. Kehlmann erzeugt mit seiner ganz speziellen Erzählweise eine bedrohlich-beängstigende Atmosphäre. Maria Rubinsteins ungutes Gefühl und später ihre Angst, Panik und Resignation gehen seltsamerweise wie von selbst auf den Leser über. Hier hätte ich gerne noch weitergelesen, das Ende war mir etwas zu abrupt.

6. Antwort an die Äbtissin

Der in Rio lebende Miguel Auristos Blancos, der mit "Erbauungsbüchern" über den Lebenssinn, das Glück etc. zum erfolgreichen Bestsellerautor wurde, erhält einen Leserbrief der Äbtissin des Karmeliterinnenklosters, die von ihm wissen möchte, warum es seines Erachtens das Leiden, den Schmerz und die Einsamkeit gibt. Der Autor fühlt sich durch diesen Brief belästigt und schreibt zurück. Doch diese Antwort entspricht seltsamerweise so gar nicht dem Credo seiner Bücher, sondern offenbart sein wahres Ich und seine Lebensphilosophie, die seine Leser schockieren würde...

Ein Autor entlarvt sich selbst

Dies ist die zweite Geschichte, die mir außerordentlich gut gefallen hat. Kehlmann entlarvt den angeblich so weisen Bestsellerautor, der so anregend über Glück und den Sinn des Lebens schreiben kann, als lebensmüden und desillusionierten Waffennarren, der seine Gutmensch-Maske in seiner Antwort an die Äbtissin fallenlässt, ohne zu wissen, warum er es tut. Großartig erzählt, sehr lebenserfahren und klug.

7. Ein Beitrag zur Debatte

Mollwitz, Mitarbeiter eines Mobilfunkunternehmens, surft jede freie Minute auf einem Prominentenspotforum im Internet - auch auf der Arbeit. Weil kein anderer Kollege verfügbar ist, bittet ihn sein Chef, auf einer Konferenz einen Vortrag zu halten. Dort trifft Mollwitz auch Leo Richter, der ihn aber "abserviert" bzw. gänzlich ignoriert. Mollwitz, der in einer Parallelwelt lebt, ist verliebt in Richters Romanfigur Lara Gaspard. Sein Vortrag endet in einem Desaster, und so macht er sich auf die Suche nach Leo Richter, den Erfinder seiner Traumfrau. Als er ihn jedoch nicht antrifft, verliert er völlig die Nerven... 

Gewöhnungsbedürftig und sprachvirtuos

Dies ist für mich die wohl gewöhnungsbedürftigste Geschichte des Romans. Brillant erzählt in der angeblich coolen mit vielen englischen Begriffen gespickten Jugendsprache. Und trotzdem fand ich sie richtig gut. Man muss sich allerdings hierauf einlassen und sollte die Geschichte schon ein zweites Mal lesen. Ob man die Story nun mag oder nicht - eines ist unbestritten: Kehlmann ist ein Sprachvirtuose.

8. Wie ich log und starb

Mollwitz' Chef, Abteilungsleiter bei o.g. Mobilfunkunternehmen, ist mit Hannah verheiratet und Vater zweier Kinder, als er Luzia kennenlernt, die schnell seine Geliebte wird. Doch sein Doppelleben gestaltet sich immer schwieriger, er verliert die Balance. Seine Rollen als Ehemann und Geliebter verschwimmen. Und da er mit den Gedanken immer weniger bei der Arbeit ist, kommt es zu einer Doppelvergabe von Telefonnummern, die fatale Folgen hat...

Schlüsselstory über ein verwirrendes Doppelleben

Eine weitere, sehr gelungene Geschichte, die das Doppelleben eines Mannes mit Ehefrau und Geliebter aus seiner Sicht beschreibt. Sie ist gleichzeitig die Schlüsselstory, mit der sich Geschichte 1 erklärt.  

9. In Gefahr

Schriftsteller Leo Richter und Freudin Elisabeth nehmen an einer humanitären Aktion in Afrika teilt, doch etwas scheint nicht zu stimmen. Richter ist auf einmal mutig, ein echter Beschützer. Eilsabeth kann es nicht glauben. Und sie merkt schnell. dass sie Recht hat. Leo macht einen entscheidenen Fehler und sie erkennt, dass sie und Leo nur Figuren in einer von ihm erdachten Geschichte sind. Ein totales No-Go für Elisabeth, die Leo immer wieder gebeten hatte, sie niemals zu einer seiner Protagonistinnen zu machen.

Geschichte in der Geschichte

Die Geschichte trägt den gleichen Titel wie Geschichte 2 - und doch ist sie völlig anders. Als Leser wird man - genau wie Elisabeth - schnell misstrauisch, denn Leo Richter ist nicht er selbst. Auch hier musste ich mich erst zurechtfinden, aber Kehlmanns Erzählfluss kann man gut folgen.

Das Phänomen Ruhm, Identitäten und die Übermacht der Technik

Die Geschichten haben alle Bezug zueinander, den der Leser nach und nach entdeckt. Drei Themen ziehen sich jedoch wie ein roter Faden durch die Erzählungen. Zum einen Ruhm, der auch Titel des Romans und zumeist negativ belegt ist, denn er verändert oder verbirgt die Persönlichkeit der Menschen. Zum anderen Identitäten, mit denen Kehlmann ein verwirrendes Spiel treibt. Und zuletzt die Übermacht der Technik: Kehlmann zeigt eine Welt, in der "kein Empfang" auf dem Handy gleichbedeutend mit existentieller Katastrophe ist. Alles in allem bleibt festzuhalten, dass der Roman für mich ein Must Read ist, denn Kehlmann ist nicht nur ein Meister der Sprache, sondern auch ein aufmerksamer Menschenbeobachter, dessen Porträts stimmig sind und ins Schwarze treffen.

Daniel Kehlmann: Außergewöhnlicher Schriftsteller mit Sinn fürs Experimentelle

Der deutsch-österreichische Schriftsteller wurde 1975 in München geboren. Sein Vater ist der Regisseur Michael Kehlmann, seine Mutter die Schauspielerin Dagmar Mettler. Die Familie zog einige Jahre später nach Wien, wo er das Kollegium Kalkburg besuchte. Anschließend studierte er dann Philosophie und Germanistik an der Universität Wien.

Internationale Erfolge

Sein erster Roman Beerholms Vorstellung erschien 1997. Der internationale Durchbruch gelang ihm allerdings erst 2003 mit seinem Roman Ich und Kaminski. Sein 2005 publiziertes Buch Die Vermessung der Welt zählt zu den erfolgreichsten Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur und wurde allein im deutschsprachigen Raum ca. 2,3 Millionen mal verkauft. Der Roman wurde in 40 Sprachen übersetzt und handelt vom Leben der Forscher Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Danach folgten noch einige weitere erfolgreiche Werke wie die Romane Ruhm und F. Des Weiteren schrieb Kehlmann auch zwei Theaterstücke: Die Geister in Princeton und Der Mentor. Darüber hinaus veröffentlicht Kehlmann Essays und Rezensionen in der FAZ, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung u.v.m.

Preise über Preise

Kehlmann wurde bereits mit einer Vielzahl von renommierten Preisen ausgezeichnet. Hierzu zählen u.a. der Candide Preis, der Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Thomas-Mann-Preis, der Kleist-Preis, der Nestroy-Preis u.v.m. Angesichts der Qualität seiner Romane werden sicherlich noch viele Auszeichnungen folgen.

Weitere Informationen über Daniel Kehlmann findet ihr auf seiner Website www.kehlmann.com.

Ausgabe: Kehlmann, Daniel. Ruhm. Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag, 18. Auflage, Mai 2015.
Bildquelle: www.rowohlt.de


Mein herzlicher Dank gilt dem Rowohlt Taschenbuchverlag, der mir den o.g. Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.