28. April 2015

Die Tudors: Lang lebe der König!

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH
Grandioses Historienspektakel

Ich bin eigentlich kein Fan von historischen Serien, aber bei Die Tudors mache ich eine Ausnahme, denn diese nach dem Drehbuch des britischen Regisseurs und Autors Michael Hirst inszenierte TV-Reihe ist ein großartiges, farbenprächtiges Spektakel, das mich von der ersten Folge an begeistert hat. 

Heinrich VIII: Englands berühmt-berüchtigter Monarch mit sechs Ehefrauen

Die Serie spielt zur Zeit der Herrschaft des berüchtigten englischen Königs Heinrich VIII aus der Tudor-Dynastie. Sein für die damalige Zeit skandalöses Leben (er war sechs Mal verheiratet, zwei seiner Frauen ließ er köpfen), das auch zum Bruch mit der römisch-katholischen Kirche führte, wurde schon oft verfilmt. Zumeist beleuchteten diese Filme aber nur seine fatale außereheliche Affäre und anschließende Hochzeit mit Anne Boleyn (z.B. Die Schwester der Königin mit Scarlett Johannsen, Natalie Portman und Eric Bana). Diese aus vier Staffeln bestehende Serie zeigt Lebensabschnitte des Königs mit all seinen Frauen und beleuchtet die jeweiligen historischen Ereignisse seiner Zeit. Wie die meisten TV-Reihen und Filme ist sie historisch nicht sehr genau, sondern basiert nur lose auf den damaligen geschichtlichen Gegebenheiten.

Jonathan Rhys Meyers: Die perfekte Verkörperung des Königs

Die Hauptrolle als König Heinrich spielt der irische Schauspieler Jonathan Rhys Meyers. Seine geniale Verkörperung des kontroversen Monarchen hat maßgeblich zum Erfolg der Serie beigetragen. Er spielt diesen machtbesessenen und dekadenten Herrscher in seinen unterschiedlichen Lebensphasen wie kein anderer vor ihm: leidenschaftlich, kraftvoll und gefährlich unberechenbar.






Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH - Jonathan Rhys Meyers als Heinrich VIII

Für seine herausragende Leistung wurde Jonathan Rhys Meyers mit dem irischen IFTA Award als bester Schauspieler ausgezeichnet. Er wurde ebenfalls für den Golden Globe nominiert, der dann aber doch an die Serie und den Darsteller von Mad Men ging..

Heute stelle ich euch zunächst Staffel 1 und Staffel 2 vor.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH
Staffel 1: Mätresse des Königs

Die erste Staffel beginnt im Jahre 1518. Der junge König Heinrich, der 1509 nach dem Tod seines Bruders König wurde, ist mit der älteren Katharina von Aragón, der Witwe seines Bruders, verheiratet. Diese Ehe, die mehr auf Respekt als auf Liebe basiert, steht unter keinem guten Stern, denn Katharina konnte Heinrich den ersehnten Thronfolger bislang nicht schenken, sondern nur eine Tochter namens Mary. Heinrich will aber unbedingt einen Sohn, der den Fortgang der Tudor-Dynastie sichern soll. Neben seinen privaten Problemen besteht auch noch ein politischer Konflikt mit Frankreich, denn Heinrichs Onkel wurde von den Franzosen in Italien ermordet. Daraufhin will Heinrich Frankreich den Krieg erklären, er lässt sich jedoch von seinen Vertrauten überzeugen, stattdessen einen Friedensvertrag abzuschließen. All dies scheint vergessen als er die junge und kapriziöse Anne Boleyn kennenlernt, in die er sich leidenschaftlich verliebt. Doch Anne ist klug und verfolgt eigene Interessen. Sie lässt sich nicht so einfach verführen, denn sie will keinesfalls eine weitere Mätresse des Königs sein. Für sie kommt nur ein Platz an seiner Seite in Frage - als Köngin von England.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH
 Jonathan Rhys Meyers als Heinrich VIII, Natalie Dormer als Anne Boleyn

Annes (gespielte) Zurückhaltung imponiert und fasziniert Heinrich, und er verfällt ihr mehr und mehr, sehr zum Mißfallen seiner Freunde und Berater. Alle Versuche Heinrichs, die Kirche zur Auflösung seiner Ehe mit der sehr religiösen Katharina zu bewegen, scheitern, denn der Papst willigt nicht ein. Der König ist außer sich, denn er ist es gewohnt, dass seine Befehle und Wünsche befolgt werden. Er fasst schließlich einen folgenschweren Plan, um die Macht der Kirche zu brechen...

Staffel 2: Die Königin und ihr Henker

Als der Papst sich weiterhin weigert, Heinrichs Ehe mit Katharina zu annulieren, ernennt sich Heinrich selbst zum Oberhaupt der Kirche Englands und löst alle englischen Klöster auf. Er wird daraufhin vom Papst exkommuniziert, was den endgültigen Bruch mit der römisch-katholischen Kirche symbolisiert.

Seine Gattin Katharina verweist er des Hofes und fortan nimmt Anne - trotz aller Warnungen seiner Freunde, sie habe eine Affäre mit einem anderen - den Platz der Königin ein. Er heiratet sie in aller Stille, und sie wird bald darauf schwanger. Heinrich sieht sich am Ziel seiner Wünsche, doch Anne verliert das Kind. Heinrich wendet sich wieder anderen Frauen zu und Anne versucht verzweifelt, ihn zu halten und ihrem schwindenden Einfluß am Hof entgegenzuwirken. Hinzu kommt noch, dass Anne beim englischen Volk nicht sehr beliebt ist: Für die Menschen ist und bleibt Katharina die einzige Königin.


Fotos (inkl. DVD-Cover): Sony Pictures Home Entertainment GmbH
Jonathan Rhys Meyers als Heinrich VIII, Natalie Dormer als Anne Boleyn

Anne wird wieder schwanger, aber sie schenkt Heinrich nur eine Tochter: Elisabeth. Heinrichs Gefühle für Anne kühlen deutlich ab, und er macht offiziell Lady Jane Seymour, ein Muster an Tugend, den Hof. Als Heinrichs bester Freund ihn im Zuge einer Intrige gegen Anne nochmals darauf hinweist, dass sie mehrfach untreu war, kommt dies dem König gerade recht, denn er will Anne schon seit langem loswerden. Sie wird wegen Untreue angeklagt und in den Tower of London gesperrt. Damit ist ihr Schicksal besiegelt, denn der König zeigt keine Gnade....

Im nächsten Post stelle ich euch noch Staffel 3 und 4 vor, die genauso spannend und ereignisreich sind wie die ersten beiden Staffeln.

Die Tudors - Staffel 1
Erscheinungsjahr: 2007
Produktionsland: Irland, Kanada, UK, USA
Produktion: Peace Arch Entertainment für Showtime in Kooperation mit Reveille Eire, Irland, Working Title Films, UK, und Canadian Broadcasting Corporation, Kanada

Die Tudors - Staffel 2
Erscheinungsjahr: 2008
s.o.

Mein herzlicher Dank gilt der Sony Pictures Home Entertainment GmbH, München, (www.sphe.de), die mir alle oben aufgeführten Fotos zur Verfügung gestellt hat.

24. April 2015

Carol O'Connell: Kreidemädchen

Spannender Thriller und erstklassiges Psychodrama

Heute möchte ich euch den außergewöhnlichen Thriller Kreidemädchen der amerikanischen Schriftstellerin Carol O'Connell vorstellen. Dies ist das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe, und es wird definitiv nicht das letzte sein. Ich habe selten einen zugleich so spannenden, berührenden und schockierenden Roman gelesen. Carol O'Connells einzigartiger Erzählstil in diesem Psychodrama - jedem Kapitel wird als Vorspann ein Tagebucheintrag eines Jungen vorangestellt, dessen Schicksal im Laufe des Buches offenbart wird - macht diesen Roman zu einem fesselnden Leseerlebnis.

Verwahrlostes Elfenkind im Central Park

New York wird von einer Rattenplage heimgesucht, als man ein kleines, verwahrlostes Mädchen, Coco, mit blutverschmiertem T-Shirt im Central Park entdeckt. Sie erzählt, dass sie auf der Suche nach ihrem Onkel Red war, als das Blut vom Himmel kam. Die Polizei durchsucht den Ramble, das Waldgebiet des Central Parks, und entdeckt eine Leiche, die im Baum aufgehängt wurde. Detective Kathleen Mallory und ihr Kollege, Detective Sergeant Riker, übernehmen den Fall und stehen vor einem Rätsel. Das kleine Mädchen mit dem elfenhaften Äußeren - rotes Haar, blasser Teint und blaue Augen - scheint merkwürdig verklärt, doch sie ist zugleich äußerst redselig und sehr intelligent. Charles Butler, ein renommierter Psychologe, der mit der Polizei zusammenarbeitet, erkennt schnell, dass Coco am Williams-Syndrom leidet, eine genetische Anomalie, die sich in einer extremen Kontaktfreudigkeit, oftmals gepaart mit Herz- oder anderen organischen Problemen, äußert. Aufgrund ihres Aussehens werden die Betroffenen auch oft Elfenkinder genannt. Butler versucht, Coco nach und nach Informationen zu entlocken, was sich als äußerst schwierig erweist, denn Coco ist traumatisiert, auch wenn dies zunächst nicht den Anschein hat.

Jagd nach dem Hungerkünstler

Als die Polizei eine weitere Leiche im Central Park findet, ist dies ein gefundenes Fressen für die Presse, die dem unheimlichen Killer, der seine stark abgemagerten Leichen in Bäumen aufhängt, den Namen Hungerkünstler gibt. Mallory und Riker suchen mit Hochdruck nach Hinweisen auf den Täter und stoßen dabei auf mysteriöse Todesfälle in der Vergangenheit, die nur jemand mit sehr viel Geld und Macht vertuschen konnte. Doch Mallory, die den Fall persönlich nimmt, weil ihr Coco ans Herz gewachsen und sie um ihre Sicherheit besorgt ist, gibt nicht auf, bis sie das Netzwerk aus Lügen zerschlagen und den wahren Killer zur Strecke gebracht hat. Eine unlösbare Aufgabe, denn ihr übermächtiger Gegner, so scheint es, hält alle Fäden in der Hand, doch er macht einen großen Fehler: Er unterschätzt Mallory...

Ungleiches Ermittlerduo: Mallory und Riker

Sie sind eines der wohl ungewöhnlichsten Ermittlerduos, das je erdacht wurde, und genau das macht ihren Erfolg aus. Kathleen "Kathy" Mallory, einstiges Problem- und Pflegekind sowie Meisterdiebin, ist ein knallharter Detective mit soziopathischen Zügen, die man nur schwer einschätzen und noch schwerer kontrollieren kann. Ihr zur Seite steht der ältere Detective Sergeant Riker, der einen untrüglichen Instinkt, doch leider ein Alkoholproblem hat. Mit diesem Protagonisten-Duo präsentiert uns Carol O'Connell keine Super-Cops, sondern authentische Figuren, die ihren oftmals brutalen Alltag allen Widrigkeiten zum Trotz meistern. Die Stärke der Autorin liegt in der Glaubwürdigkeit ihrer Charaktere, die weit mehr als Kunstfiguren sind und den Leser durch ihre Authentizität ansprechen.

Brisante Themenvielfalt

Der Roman lebt nicht nur von der hochspannenden Geschichte und den brillant konzipierten Charakteren, sondern er zeichnet sich insbesondere durch seine brisante Themenvielfalt aus. Neben der für Thriller üblichen Themen wie Gewalt, politische Intrigen, Machtspiele, psychische Abhängigkeit etc. thematisiert Kreidemädchen auch Schul-Mobbing in seiner schlimmsten Form. Alles in allem ergibt sich hieraus eine einzigartige Geschichte, die man als Leser nicht so schnell vergisst, denn sie berührt und schockiert gleichermaßen. Für mich ist das Buch ein absolutes Must Read.

Carol O'Connell: New Yorker Bestseller-Autorin mit Kunst-Background

Carol O'Connell wurde 1947 in New York geboren, wo sie auch heute noch lebt. Sie studierte Kunst an der Arizona State University und machte dort ihren Abschluss zum Bachelor of Fine Arts. Da der Erfolg als Malerin auf sich warten ließ, machte sie schließlich ihr Hobby, das Schreiben, zum Beruf. Der Durchbruch gelang ihr 1994 mit Mallory's Oracle (Ein Ort zum Sterben), dem ersten Buch der Kathy-Mallory-Reihe. Seitdem sind in dieser Serie 11 Bücher erschienen, die allesamt Bestseller wurden. Darüber hinaus hat sie noch zwei Stand-alones - The Judas Child und Bone by Bone (Tödliche Geschenke) veröffentlicht.

Leider hat Carol O'Connell keine eigene Website. Ein sehr gutes - wenn auch älteres - Interview mit der Schriftstellerin findet ihr unter http://triviana.com/books/oconn/carol03.htm.

Originalausgabe: O'Connell, Carol. The Chalk Girl. London: Headline Publishing Group, 2012.
Deutsche Ausgabe: O'Connell, Carol. Kreidemädchen. München: btb Verlag/Random House, 2015.
Bildquelle: www.randomhouse.de

Mein herzlicher Dank gilt der Verlagsgruppe Random House, die mir dieses Buch innerhalb ihres Bloggerportals (www.bloggerportal.de) zwecks Rezension zur Verfügung gestellt hat.

19. April 2015

Kenneth Branaghs Frankenstein-Verfilmung

Sony Pictures Home Entertainment
Mary Shelleys Meisterwerk Frankenstein ist schon unzählige Male verfilmt worden. Im Gedächtnis blieb zumeist nur der für 1931 spektakuläre Film von James Whale mit Schauspieler Boris Karloff als Frankensteins Kreatur, eine überdimensionale stumme Figur mit riesigem rechteckigem Kopf, aus dessen Hals Stöpsel ragen. Es folgten weitere Filme mit Stars wie Christopher Lee und Bela Lugosi. Kein Regisseur hielt sich jedoch eng an Shelleys Romanvorlage und versuchte, die Vielschichtigkeit dieses brillanten Romans zu erfassen.

Branaghs Neuadaption: Eine Hommage an Mary Shelley

Kenneth Branaghs herausragende Adaption von 1994 ist eine Hommage an Mary Shelley und ihren berühmten Roman. Gedreht wurde der Film in den Londoner Shepperton-Studios - es ist die aufwendigste Produktion, die jemals in einem englischen Studio realisiert wurde. Kenneth Branagh fungiert als Hauptdarsteller und Regisseur. Ihm zur Seite stehen Superstar Robert de Niro als Kreatur, Tom Hulce als Frankensteins Freund Henry, Helena Bonham Carter als Frankensteins große Liebe Elizabeth und John Cleese als Frankensteins Lehrer Prof. Waldmann.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH

Schauspielerisches Duo Infernale: Kenneth Branagh und Robert de Niro

Dieser Film wird getragen von der ausgezeichneten Schauspielkunst seiner beiden Hauptdarsteller Kenneth Branagh und Robert de Niro. 

Kenneth Branaghs Frankenstein ist ein von Ehrgeiz Getriebener, ein Besessener, der sich durch nichts und niemanden davon abhalten lässt, einen künstlichen Menschen aus Leichenteilen zu erschaffen bzw. diesen zum Leben zu erwecken. 

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH
 
Die Warnungen seines besten Freundes Henry schlägt er in den Wind und auch die moralisch-ethischen Bedenken seines Professors haben für ihn keinen Wert. Als sein Experiment in einer Katastrophe endet und er den Wahnsinn und das Ausmass seiner Tat erkennt, ist es zu spät, denn für ihn und seine Kreatur gibt es keinen Weg zurück. 

Branagh zeigt meisterhaft alle Facetten dieses kontroversen Charakters: Frankensteins außerordentlichen Wissensdurst und seine Hingabe, seine Verzweiflung, seine Reue, seinen unbändigen Wunsch nach Rache und sein hoffnungsloses Aufbegehren gegen sein Schicksal, das er selbst besiegelt hat. 

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH

Lediglich seine Liebe zu Elizabeth zeigt in kurzen Momenten den emotionalen Frankenstein. Doch auch sie kann ihn nicht retten, denn der verstandsdominierte Frankenstein stellt seinen Ehrgeiz über seine Gefühle. Elizabeths wachsendes Unverständnis bringt die Beziehung an ihre Grenzen. Als Frankenstein sich schließlich aus Schock über das grausige Resultat seines Experiments auf die wahren Werte und seine Gefühle besinnt, ist es zu spät, denn die Konsequenzen seines Handelns fordern ihren Tribut.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH
Robert de Niros Darstellung der Kreatur ist beispiellos brillant. Er zeigt sie nicht als stummes und hirnloses Wesen, sondern als einsames, verzweifeltes und von seinem Vater/Schöpfer verstossenes Kind, das - mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, die es nicht kontrollieren kann - in einer ihm fremden und feindlich begegnenden Welt nach Halt, Akzeptanz und menschlicher Wärme sucht. Von den Menschen enttäuscht, verhöhnt und abgelehnt, macht er sich schließlich in unbändiger Wut auf die Suche nach seinem Vater, der ihn sich selbst überließ.

Folgenschwere Begegnung von Schöpfer und Geschöpf

Schließlich kommt es zur Begegnung von Frankenstein und seinem Geschöpf in einer Eishöhe, eine der Schlüsselszenen des Buchs, die Branagh meisterhaft inszeniert hat. Hier stellt dann auch das Geschöpf Frankenstein die zentrale Frage, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht: Hast du jemals die Konsequenzen deiner Handlungen bedacht? Du hast mir Leben gegeben, und dann wolltest du mich sterben lassen. Wer bin ich?"1 Diese Frage, auf die er keine Antwort weiß, führt Frankenstein den ganzen Irrsinn seines Handelns vor Augen und ihm wird bewusst, dass es für ihn und seine Kreatur keinen Ausweg gibt. Als die Kreatur ihn bittet, ihm eine Gefährtin zu erschaffen, damit er nicht mehr so einsam ist, willigt er zunächst aus Schuldgefühl ein, zerstört sein Werk jedoch vor Fertigstellung wieder, weil er nicht noch einmal einen solchen fatalen Fehler begehen will. Seine Kreatur, die Zeuge der Zerstörung seiner Gefährtin wird, wendet sich in blindem Hass gegen seinen Schöpfer und tötet im Gegenzug die Menschen, die Frankenstein am nächsten stehen.

Frankensteins Ende

Am Ende bleibt Frankenstein als einsamer, gebrochener Mann zurück, dessen einziger Lebensinhalt die Jagd nach seinem Geschöpf ist. In den Eiswüsten der Arktis, völlig entkräftet und des Lebens müde, ergibt er sich schließlich seinem Schicksal.

Foto: Sony Pictures Home Entertainment GmbH

Der Film ist für mich eine der besten Literaturverfilmungen, die ich je gesehen habe. Ich kann sie euch nur wärmstens empfehlen.

Kenneth Branagh bringt es in seinem Artikel Eine Geschichte für alle Ewigkeit auf den Punkt: Es ist eine großartige Schauergeschichte. Es ist eine wunderbare Abenteuergeschichte von einem Mann, der ein Monster erschafft und dabei nicht ungestraft davonkommt. Aber es ist auch eine moralisierende Fabel über die Verantwortung von Eltern, über den Widerstand gegen Gott und über die Gefahren, die eine Einmischung in die Natur mit sich bringt. Einfach und zugleich tiefsinnig. Das ganze menschliche Leben - und auch der Tod - finden sich in Mary Shelley's Frankenstein wieder."2

Sir Kenneth Branagh: Großartiger Schauspieler und erstklassiger Regisseur

Der 1960 geborene Ire ist vielen insbesondere aus seinen preisgekrönten Shakespeare-Verfilungen wie z.B. Viel Lärm um nichts, Heinrich V., Verlorene Liebesmüh' und Hamlet bekannt, in denen er nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch als Regisseur fungiert. Aber Kenneth Branagh kann nicht nur Shakespeare. Filme wie der nuancierte, hochspannende Thriller Schatten der Vergangenheit setzen ihn auf eine Qualitätsstufe mit Alfred Hitchcock und doch ist er mit keinem anderen renommierten Regisseur vergleichbar, denn die Filme des vielseitigen Künstlers tragen stets seine Handschrift. Dies gilt auch für die erfolgreiche Tragikomödie Peter's Friends, die er mit einer Riege der besten englischen Schauspieler wie Ex-Gattin Emma Thompson, Stephen Fry, Hugh Laurie und Imelda Staunton realisierte, oder das Drama Mary Shelley's Frankenstein, für das er sogar Robert de Niro gewinnen konnte.

Schauspielvirtuose in allen Genres

2008 übernahm der wandelbare Schauspieler dann die Rolle des Kommissar Wallander in der gleichnamigen britischen TV-Serie, für die er 2009 einen BAFTA-Award gewann. Auch ein Action-Film wie die Jack-Ryan-Verfilmung Shadow Recruit stellt für den großartigen Mimen kein Problem dar: Seine Darstellung des russischen Oligarchen Viktor Cherevin (mit exzellent imitierten russischen Akzent) ist unvergleichlich gut. 2015 wagte er sich sogar an ein Märchen und verfilmte Cinderella. Und ein weiteres Mal standen ihm dafür hochkarätige Schauspieler zur Verfügung: Cate Blanchett, Lily James, Derek Jacobi, Helena Bonham Cater, Richard Madden, Stellan Skarsgard u.v.m.

Viel versprechendes neues Projekt

Branagh lässt sich zwar in keine Schulade packen, doch es zieht ihn immer wieder zu Shakespeare. So ist denn auch sein neues Projekt wieder sehr viel versprechend: Zusammen mit Star-Regisseur Martin Scorsese soll er derzeit an einer Neufilmung von Macbeth mit ihm und Alex Kingston in den Hauptrollen arbeiten. Ein großer Erfolg ist somit auch hier wieder vorprogrammiert.

Mary Shelley's Frankenstein
Produktionsland: UK, Japan, USA
Erscheinungsjahr: 1994
Tristar Pictures Industries, Inc.

Mein herzlicher Dank gilt Sony Pictures Home Entertainment GmbH, München, www.sphe.de, die mir alle oben aufgeführten Fotos inkl. DVD-Cover zur Verfügung gestellt hat.

Quelle1: Branagh. Kenneth. Das Drehbuch. In: Mythos Frankenstein. Hrsg.: Diana Landau. Aus dem Englischen von Carmen von Samson-Himmelstjerna. Düsseldorf: ECON Taschenbuchverlag GmbH, S. 116.
Quelle2: Branagh. Kenneth. Eine Geschichte für alle Ewigkeit. In: Mythos Frankenstein. Hrsg.: Diana Landau. Aus dem Englischen von Carmen von Samson-Himmelstjerna. Düsseldorf: ECON Taschenbuchverlag GmbH, S. 10.

16. April 2015

Mary Shelley: Frankenstein oder Der neue Prometheus

Genialer Schauerroman einer bemerkens-werten Schriftstellerin

Mary Shelleys Frankenstein oder Der neue Prometheus zählt zu den Klassikern der Weltliteratur, und doch wird das Buch heute kaum noch gelesen. Viele assoziieren mit dem Namen Frankenstein fälschlicherweise das bekannte Monster mit grünlichem Gesicht und überdimensionalem eckigem Kopf, wie es von Boris Karloff 1931 erstmals im Film verkörpert wurde und in Abwandlungen auch heute noch im TV zu sehen ist, und nicht den Arzt und Protagonisten, dessen Namen der Roman trägt. Die Wenigsten kennen diesen erstklassigen, effektvollen Schauerroman und seine einzigartige Autorin Mary Shelley, die das Buch 1818 im Alter von nur 21 Jahren anonym veröffentlichte. Vor diesem Hintergrund möchte ich euch heute dieses spannungsreiche, außergewöhnliche Buch vorstellen, denn es ist einfach zu ideenreich, lebendig und geistvoll, um in Vergessenheit zu geraten.

Viktor Frankenstein: Zwischen Ehrgeiz und Größenwahn

Der Roman schildert die dramatische Lebensgeschichte des Schweizer Arztes Viktor Frankenstein, die in Rückblicken erzählt wird - teils im Stil eines Briefromans und teils in der Ich-Erzählung. Der ambitionierte Forscher Robert Walton, der zu einer Expedition in die Arktis aufgebrochen war, um eine Passage zum Nordpol zu finden, wird mit seinem Schiff und seiner Crew vom Eis eingeschlossen. Während sie darauf warten, ihre Forschungsreise fortsetzen zu können, nähert sich ein völlig entkräfteter Mann ihrem Schiff: Viktor Frankenstein. Walton nimmt ihn an Bord und pflegt ihn, bis es ihm wieder etwas besser geht. Alarmiert durch den maßlosen Ehrgeiz, den Walton an den Tag legt, erzählt ihm Frankenstein seine Geschichte, die ebenfalls von unbändigem Ehrgeiz geprägt war, der ihn schließlich ins Verderben stürzte.

Experiment mit grausigem Resultat

Viktor Frankenstein war ein hochintelligentes Kind mit einem enormen Wissensdrang, das sehr behütet aufwuchs. Mit 17 Jahren studiert er an der Universität in Ingolstadt Naturwissenschaften. Von unglaublichem Ehrgeiz getrieben, findet er schließlich heraus, wie man tote Materie wieder zum Leben erweckt. Doch das ist ihm nicht genug, und er möchte dieses Experiment unbedingt an Menschen ausprobieren. Er arbeitet bis zur totalen Erschöpfung an diesem wahnwitzigen Plan und näht schließlich Leichenteile zu einem Körper zusammen, den er - gottgleich - mit Elektrizität u.ä. wieder zum Leben erwecken will. Das Experiment gelingt, doch das Resultat ist grausig: Seine Kreatur ist so abstoßend häßlich und angsteinflößend, dass Viktor voller Panik aus seinem Labor flieht. Er erkrankt an Nervenfieber, wird aber von seinem Freund Henry gesund gepflegt. Seine Kreatur scheint verschwunden, und Viktor versucht, sein normales Leben wieder aufzunehmen.

Unbarmherzige Rache der verstoßenen Kreatur

Da erreicht ihn die Nachricht, dass sein kleiner Bruder William ermordet wurde. Völlig verzweifelt kehrt Viktor nach Hause zurück und erblickt bei seiner Ankunft zu seinem Entsetzen seine Kreatur. Er weiß sofort, dass nur sie den Mord begangen haben kann. Doch dies ist erst der Beginn des ungleichen Kampfes zwischen Frankenstein und seinem Geschöpf, denn es tötet in unbändiger Wut auf den "Vater", der es verstieß, alle Menschen, die Frankenstein liebt. Frankenstein, der nur noch Rache und seine Kreatur totsehen will, jagt sie bis in die Eiswüsten der Arktis, wo es dann zur finalen Begegnung von Schöpfer und Geschöpf kommt, die in einer Katastrophe endet...

Grenzen der Wissenschaft

Mary Shelleys Roman Frankenstein mit seiner kontroversen Thematik hat auch heute nichts von seiner Brisanz und Aktualität verloren. Fragen im Hinblick auf die Grenzen der Wissenschaft unter Berücksichtigung moralischer und ethischer Aspekte stehen nach wie vor im Fokus der Öffentlichkeit. Mary Shelley zeichnet Viktor Frankenstein als Inbegriff des von seiner Idee, Gott zu spielen, besessenen Forschers, der in keiner Sekunde die Folgen seines Handelns reflektiert und den seine Selbstüberschätzung und sein Hochmut schließlich zu Fall bringen. Einzig seine Schuldgefühle und seine Reue sprechen für ihn, aber er kann seine Tat nicht mehr ungeschehen machen. Er verstößt seine ihn abstoßende Kreatur, wie ein Vater sein ungeliebtes Kind, das sich schließlich aus Enttäuschung und Wut gegen seinen Schöpfer wendet. Frankenstein ist somit auch ein moderner Prometheus, wie es auch im Titel des Buches heißt, der sich wie die mythologische Gestalt über Zeus bzw. Gott stellt und dafür hart bestraft wird. Am Ende bezahlt auch Frankenstein einen hohen Preis für seine Hybris, denn er verliert nicht nur die Menschen, die er liebt, sondern auch sein Leben.

Mary Shelley:  Tochter eines berühmten Paares und unangepasster Freigeist

Mary Shelley wurde 1797 als Tochter des englischen Philosophen und politischen Schriftstellers William Godwin und der berühmten Feministin Mary Wollstonecraft in London geboren. Ihre Mutter lernte sie nie kennen, denn sie starb kurz nach Marys Geburt. Sie wurde von ihrem Vater aufgezogen, in dessen umfangreicher Bibliothek die begeisterte Leserin genügend Lesestoff fand, um ihren Wissensdurst zu stillen.

Skandalöse Liebe

Renommierte Dichter und Denker wie Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth gingen im Haus des Vaters ein und aus und so lernte sie auch den jungen non-konformistischen Dichter Percy Bysshe Shelley, einen Studenten ihres Vaters, kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte. Beide brannten durch und verließen England - ein Skandal, denn Shelley war verheiratet. Ihr Vater brach daraufhin für einige Zeit den Kontakt zu Mary ab. Mary und Percy bereisten Europa, waren jedoch stets von Geldproblemen geplagt.

Villa Diodati am Genfer See: Hier entstand Frankenstein

Den Sommer 1816 verbrachten Mary, ihre Stiefschwester Claire, Percy, der berühmte Dichter Lord Byron und sein Leibarzt John Polidori in der Villa Diodati am Genfer See. Da das Wetter aufgrund eines Vulkanausbruchs äußerst schlecht war, hielten sich alle im Haus auf. Um sich die Zeit zu vertreiben, beschlossen sie, dass jeder von ihnen eine Schauergeschichte schreiben sollte, die dann in der illustren Runde vorgelesen würde. Während die anderen Dichter nicht sehr erfolgreich waren, verfasste Mary ihren unvergleichlichen Roman Frankenstein, der ein sensationeller Erfolg wurde.

Herbe Schicksalsschläge

Nach dem Selbstmord seiner Frau heiratete Percy Mary. 1818 veröffentlichte Mary dann anonym ihr Werk Frankenstein, das begeistert aufgenommen wurde. Mary musste im Laufe ihres kurzen Lebens viele Schicksalsschläge verkraften: Sie verlor drei Kinder und schließlich auch noch ihren Ehemann, der bei einem Segelausflug ertrank. Mary Shelley widmete die letzten Jahres ihres Lebens dem Nachlass ihres Mannes und schrieb noch einige Romane, um sich und ihren einzigen Sohn zu finanzieren. Sie starb im Jahr 1851 an einem Gehirntumor.

Die beste Informationsquelle über Mary Shelley ist für mich Miranda Seymours gleichlautende Biografie http://www.mirandaseymour.com/maryshelley.htm.

Originalausgabe: Shelley, Mary. Frankenstein, or The Modern Prometheus. London: Wordsworth Editions Ltd., 1999.
Deutsche Ausgabe: Shelley, Mary. Frankenstein oder Der neue Prometheus. Köln: Anaconda Verlag GmbH, 2009.
Bildquelle: www.anacondaverlag.com

11. April 2015

Die besten Shakespeare-Verfilmungen: Romeo+Julia mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes

Foto: Twentieth Century Fox
William Shakespeares Romeo und Julia ist die schönste und zugleich tragischste Liebesgeschichte, die der berühmte Dramatiker je zu Papier gebracht hat. Sie zählt zu den Klassikern der Weltliteratur und wurde schon unzählige Male verfilmt, u.a. von Franco Zeffirelli, dessen einzigartige klassisch-traditionelle Adaption, die an Originalschauplätzen in Verona/Italien gedreht wurde, die wohl bekannteste ist.

Revolutionierung eines Klassikers

Für mich gibt es allerdings nur eine bis heute unübertroffene Verfilmung des Klassikers: Baz Luhrmanns Adaption Romeo+Juliet mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes aus dem Jahre 1996. Mit seiner postmodernen, völlig neuen Fassung des Dramas hat Luhrmann den Klassiker revolutioniert. Er macht daraus ein opulentes Genre-Mix aus Action-Film, romantischer Liebesgeschichte und Thriller und setzt Elemente der Pop-Ästhetik in Verbindung mit einem großartigen Soundtrack so kunstgerecht ein, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, einen nicht enden wollenden furiosen Video-Clip zu sehen.

Romeo+Julia: Die Geschichte der "Star-Crossed Lovers"

Fotos: Twentieth Century Fox
Luhrmann transferiert das Drama in die moderne Zeit, Schauplatz ist das fiktive Verona Beach. Auf einem exzentrischen Kostümball treffen sich Romeo und Julia, die den verfeindeten Familien Montague und Capulet angehören, zum ersten Mal. Sie verlieben sich unsterblich ineinander, ohne zu wissen, wer der jeweils andere ist. Als beiden bewusst wird, dass ihre Liebe niemals geduldet wird, beschließen sie, heimlich zu heiraten, um die Familienfehde für immer zu beenden. Nur Julias Amme und Pater Laurence kennen das Geheimnis der beiden Liebenden und sind bereit, sie bei ihrem Plan zu unterstützen. Und so traut Pater Laurence Romeo und Julia in einer geheimen Zeremonie ganz im Verborgenen ohne das Wissen der Familien.

Folgenschwerer Mord

Doch dann geschieht ein folgenschwerer Mord: Julias Vetter Thybalt tötet im Streit Romeos Freund Mercurio und beschwört damit eine Katastrophe herauf, denn Romeo sinnt auf Rache und erschießt Thybalt. Nach der Hochzeitsnacht muss er in die Verbannung fliehen.

Foto: Twentieth Century Fox
In der Zwischenzeit haben Julias Elterm bereits hinter ihrem Rücken die Hochzeit mit dem schönen Paris arrangiert, die schnellst-möglich stattfinden soll, doch Julia denkt nicht daran, sich dem Willen ihrer Eltern zu beugen.

Verhängnisvoller Plan

Sie fragt Pater Laurence um Rat, der einen scheinbar wasserdichten Plan hat. Sie soll einen Trunk zu sich nehmen, der sie für zwei Tage in einen todesähnlichen Zustand versetzt, um so der Hochzeit zu entgehen. Zugleich soll Romeo per Brief über diesen Plan informiert werden.

Unausweichliches Schicksal

Anfangs läuft alles wie geplant: Julia fällt in einen Tiefschlaf, die untröstliche Familie hält sie für tot und setzt sie in der Familiengruft bei. Doch dann gerät alles außer Kontrolle, denn der Brief an Romeo kommt nicht an. Als Romeos Diener Balthasar dann zu seinem Entsetzen die vermeintliche Beerdigung Julias sieht, informiert er Romeo, ohne allerdings vorher mit Pater Laurence gesprochen zu haben. Der völlig verzweifelte Romeo kehrt daraufhin nach Verona zurück, um Julia noch ein letztes Mal zu sehen. Er besorgt sich ein Gift, um im Tode wieder mit seiner Geliebten vereint zu sein. In der Familiengruft nimmt Romeo Abschied von Julia und schluckt das tödliche Gift. Doch Julia erwacht und muss hilflos zusehen, wie Romeo stirbt. Voller Verzweiflung wählt sie den einzigen Ausweg, der ihr bleibt...

Brillante Neuverfilmung mit berauschend schönen Bildern und traumhafter Musik

Der Film lebt von unvergleichlich schönen Bildern und Szenen (wie z.B. die Aquarium-Szene auf dem Kostümball oder die Endszene in der Capulet-Familiengruft im Kerzenmeer) und von der poetischen Sprache Shakespeares, die Luhrmann übernommen hat, d.h. die Dialoge werden in Versen gesprochen. Der einzigartige Soundtrack mit z.B. dem wunderbaren Kissing you von Des'ree oder Young Hearts Run Free von Kym Mazelle unterstreicht die spezielle Atmosphäre der unterschiedlichen Szenen.

Grandiose Jungstars

Ihren Erfolg verdankt diese brillante Neuverfilmung aber in erster Linie den zwei damals noch sehr jungen, aber schon überragenden Hauptdarstellern: Leonardo DiCaprio und Claire Danes. Ihre außergewöhnliche schauspielerische Leistung macht diesen ergreifenden Film so sehenswert und gleichzeitig zu einem spannenden Abenteuer. 

Romeo+Juliet wurde mit vier BAFTA-Awards in den Kategorien Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste Musik und Beste Ausstattung ausgezeichnet.

Leonardo DiCaprio gewann den Silbernen Bären als bester Darsteller auf der Berlinale 1997. Baz Luhrmann erhielt gleichzeitig den Alfred-Bauer-Preis für innovative Filmkunst.

Foto: Twentieth Century Fox





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 "For never was a story of more woe
Than this of Juliet and her Romeo."1
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Kult-Regisseur Baz Luhrmann: Ästhet und kreativer Querdenker

Seit Romeo+Juliet zählt der Australier Baz Luhrmann zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren. Sein Durchbruch als Filmregisseur gelang ihm 1992 mit der romantischen Komödie Strictly Ballroom, der zugleich auch der erste Film seiner Red Curtain Trilogie ist. Hierzu zählen außerdem Romeo+Juliet und Moulin Rouge mit Nicole Kidman und Ewan McGregor. Obwohl diese drei Filme thematisch keinen Bezug zueinander haben, verbindet sie laut Luhrmann eine spezielle Technik. Jeder Film beinhaltet ein Theatermotiv, das durchgängig im Film erscheint: In Strictly Ballroom ist es Tanz, in Romeo+Juliet Poesie und Sprache und in Moulin Rouge Gesang2.

Luhrmanns Filme sind von großer Bildgewalt und Eindringlichkeit. Sein außergewöhnlicher Sinn für Ästhetik durchdringt jede seiner Filmszenen, und seine Kreativität scheint grenzenlos. Sein neuer Film The Great Gatsby ist ein weiteres Meisterwerk, das ich euch in einem späteren Post noch vorstellen werde.

Weitere Informationen über Baz Luhrmann findet ihr auf seiner Website www.bazmark.com.


Romeo+Juliet
Regie: Baz Luhrmann
Produktionsland: USA
Erscheinungsjahr: 1996
Twentieth Century Fox Film Cooperation

Bilderquelle: Mein herzlicher Dank gilt der Twentieth Century Fox Home Entertainment Germany GmbH, www.fox.de, die mir freundlicherweise alle o.g. Fotos zur Verfügung gestellt hat.

Zitat1: Shakespeare, William. Romeo and Juliet. London: Wordsworth Editions Ltd., 2000. S. 125.

Quelle Red Curtain Trilogie2: Busari, Stephanie. Luhrmann brings down Red Curtain with new epic. http://edition.cnn.com/2008/SHOWBIZ/Movies/06/26/baz.luhrmann/index.html. London: CNN, 30. Juni 2008.

8. April 2015

Metin Arditi: Tochter des Meeres

Griechische Tragödie in neuem Stil

Metin Arditis Tochter des Meeres ist eine spannungsreiche, sehr berührende Familien-geschichte - eine moderne griechische Tragödie wie sie brisanter und fesselnder nicht sein könnte. Doch trotz aller Dramatik sprüht sie vor Lebendigkeit und Lebensfreude. Darin liegt für mich auch die Anziehungskraft des Buches, das grossartig erzählt und voller Poesie ist und den Leser aufgrund seiner kontroversen Thematik so schnell nicht mehr loslässt.

Mysteriöser Tod zweier Brüder

Die Geschichte beginnt im Jahre 1952 auf Spetses, einer schönen, noch unberührten griechischen Insel. Die beiden Brüder und erfahrenen Fischer Spiros und Nikos Louganis kommen bei einem mysteriösen Bootsunfall auf dem Meer ums Leben. Ihre Familien, Spiros' Frau Magda und seine Tochter Pavlina sowie Nikos' Frau Fotini und sein Sohn Aris, sind verzweifelt, denn sie sind von nun an auf sich allein gestellt. Doch sie geben nicht auf und versuchen, diese schwierige Lebenssituation so gut es geht zu bewältigen. Magda findet Arbeit bei einer amerikanischen Familie und auch die Kinder verdienen ihr erstes Geld: Pavlina als Näherin und Aris als Tischler.

Fatale Liebe

Als die Insel 1957 mehr und mehr vom Tourismus erschlossen wird, entschließen sich Pavlina und Aris, das Unglücksboot ihrer Väter zu reparieren und in den Sommermonaten Bootstouren für die gut zahlenden Touristen zu veranstalten, da diese wesentlich mehr Geld einbringen als ihre Jobs in der Näherei bzw. Tischlerei. Für die 17-jährige Pavlina erfüllt sich ein Traum, denn sie ist heimlich in ihren Cousin Aris verliebt und nichts macht sie glücklicher, als mit ihm gemeinsam auf dem Meer zu sein. Sie verliert sich in Tagträumen, bis Aris ihr mitteilt, dass er sie zwar wie eine Schwester liebt, aber ihre romantischen Gefühle nicht erwidern kann. Er offenbart Pavlina sein Geheimnis, das einen Skandal heraufbeschwören würde, wenn es herauskäme. Für Pavlina bricht eine Welt zusammen und sie weigert sich, die Realität zu sehen. Sie versucht, Aris' Liebe zu erzwingen, und in einem schwachen Moment kommt es dann zu einer folgenschweren Nacht, deren weitreichende Konsequenzen beide Familien in den Abgrund ziehen...

Hymne auf das Leben

Metin Arditi ist ein großartiger Erzähler. Er versteht es, den Leser mit dieser außergewöhnlichen Geschichte in seinen Bann zu ziehen, aber er verlangt ihm auch Einiges ab. Tochter des Meeres ist ein Roman voller Emotionen, Leidenschaften, Geheimnisse und Tragödien - doch er ist vor allem eines: eine Hymne auf das Leben. Ganz egal, was seinen Protagonisten auch Schlimmes widerfährt, sie stehen wieder auf und machen weiter - und in kleinen kostbaren Momenten ist das Buch erfüllt von der Freude und der Lust am Leben. Und so steht dann auch am Ende nicht der tragödienübliche Untergang, sondern die Hoffnung auf einen Neuanfang, der beweist, dass das Leben trotz allem der Mühe wert ist. 

Multitalent Metin Arditi: Physiker, Geschäftsmann, bedeutender Mäzen und erfolgreicher Schriftsteller

Metin Arditi wurde 1945 in Ankara geboren, wuchs aber in Genf auf, wo er auch heute noch lebt. Er studierte Physik/Atomwissenschaften in Lausanne und später dann Wirtschaftswissenschaften an der Business School der Universität Stanford/USA. 1988 gründete er seine Stiftung Arditi und ist heute ein einflussreicher Mäzen und Kulturförderer, der in einer Vielzahl von kulturellen Institutionen engagiert ist (er ist u.a. Präsident des renommierten Orchestre de la Suisse Romande). Arditi  begann seine schriftstellerische Karriere vor ca. 17 Jahren. Tochter des Meeres ist sein fünfter Roman, der mit dem französischen Prix Version Femina ausgezeichnet wurde. 

Metin Arditi hat leider keine eigene Website. Ein sehr gutes (wenn auch älteres) Interview mit ihm mit dem Titel Kunst braucht keine Erklärung findet ihr bei SWI swissinfo.ch unter folgendem Link: http://www.swissinfo.ch/ger/-kunst-braucht-keine-erklaerung--/6390666.

Originalausgabe: Arditi, Metin. La Fille des Louganis. Arles/Paris: Actes Sud, 2007.
Deutsche Ausgabe: Arditi, Metin. Tochter des Meeres. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2009.
Bildquelle: www.hoffmann-und-campe.de

4. April 2015

Belle du Seigneur: Die Schöne des Herrn

Foto/Copyright: Océan Films Distribution Int.
Bildgewaltige Verfilmung einer außer-gewöhnlichen Liebesgeschichte

Dieser wunderbare Film mit Jonathan Rhys Meyers und Natalia Vodianova in den Hauptrollen wird mir noch lange in Erinnerung bleiben, denn Glenio Bonders berauschende Verfilmung des berühmten Romans des Schweizer Schriftstellers Albert Cohen Die Schöne des Herrn ist bildgewaltig, voller Leidenschaft und Ausdrucksstärke.

Beeindruckend intensives Spiel der Hauptakteure

Für diese tragische Liebesgeschichte hätte es meines Erachtens für die männliche Hauptrolle keine bessere Besetzung als Jonathan Rhys Meyers geben können, denn er hat schon als Heinrich VIII in Die Tudors bewiesen, dass er ein großartiger Schauspieler ist. Was die weibliche Hauptrolle anbelangt, war ich zunächst skeptisch, als ich las, dass Natalia Vodianova ein russisches Top-Model ist und vorher nur eine Filmrolle hatte. Doch ich war sehr überrascht, denn sie ist eine wirklich gute Schauspielerin, die ihre Rolle mit großer Intensität und Hingabe spielt. 

Stürmische Affäre

Die Geschichte beginnt in Genf in den 30er Jahren vor Ausbruch des 2. Weltkriegs. Solal des Solal (Jonathan Rhys Meyers), attraktiver jüdischer Untergeneralsekretär des Völkerbundes, ist fasziniert von Ariane Deume (Natalia Vodianova), Aristokratin und Ehefrau seines Mitarbeiters Adrien (Ed Stoppard), und setzt alles daran, sie zu verführen. Ariane ist für den manipulativen Solal eine leichte Beute, denn sie fühlt sich in ihrer Ehe mit dem faden und leidenschaftslosen Adrien gefangen, der nur Interesse an seiner beruflichen Karriere hat und seine Frau lediglich als hübsches, repräsentatives Aushängeschild wahrnimmt.

 Foto/Copyright: Océan Films Distribution Int.- Ed Stoppard als Adrien, Natalia Vodianova als Ariane

Obsession und Desillusionierung

Ariane lässt sich auf eine Affäre mit Solal ein, und ihre Leidenschaft kennt keine Grenzen. Sie zelebrieren ihre Liebe und genießen den Rausch des Moments. Doch die anfängliche Verliebtheit wird zur Obsession, insbesondere für Solal, dessen Eifersucht und Wutausbrüche Ariane gleichermaßen ängstigen wie abstoßen. Ihre Auseinandersetzungen häufen sich, denn beide finden sich mit ihren zu hohen Erwartungen in der Realität nicht wieder. Der Alltag holt beide schneller ein als erwartet, und Routine und Langeweile schleichen sich ein. Sie versuchen mit allen Mitteln, ihre Leidenschaft zurück zu erzwingen und bleiben desillusioniert zurück.

Jonathan Rhys Meyers als Solal, Natalia Vodianova als Ariane




















Fotos/Copyright: Océan Films Distribution Int.

Tragisches Ende

Als Solal aufgrund seiner jüdischen Herkunft auch noch seine Stellung beim Völkerbund verliert, gerät sein Leben vollständig aus den Fugen. Er kann vor sich selbst nicht mehr bestehen - und schon gar nicht vor Ariane - denn es ist nichts mehr übrig von dem, was ihn ausmacht. Ariane, der er zunächst nichts von seiner Situation erzählt hat, kann nicht mehr zu ihm durchdringen und verharrt in Resignation und Apathie. Im Hotel Ritz in Genf endet dann Solals und Arianes Amour Fou schließlich in einer Tragödie, denn für die Liebenden gibt es keinen Weg zurück...











 Foto/Copyright: Océan Films Distribution Int.- Jonathan Rhys Meyers als Solal


Albert Cohens Mammutroman Die Schöne des Herrn als filmische Herausforderung

Der Film basiert vage auf dem 1968 veröffentlichten Roman Die Schöne des Herrn (Original: Belle du Seigneur) von Albert Cohen, einem renommierten Schweizer Schriftsteller jüdischen Ursprungs. Das über 1.000 Seiten umfassende Mammutwerk ist der dritte und letzte Teil seiner Solal-Tetralogie und eine echte Herausforderung für jeden Leser - aber sie lohnt sich, denn das Buch hat eine wunderbare Sprache und ist voller Poesie. Diesen vielschichtigen Roman zu verfilmen, stellt jedoch noch eine größere Herausforderung dar. Regisseur Glenio Bonder ist dies meines Erachtens meisterhaft gelungen, denn er richtet den Fokus primär auf die beiden Protagonisten und zeigt mit großem Einfühlungsvermögen - aber ohne überzogene Sentimentalität - alle Phasen dieser zum Scheitern verurteilten Beziehung.

Stimmiges Zusammenspiel

Jonathan Rhys Meyers brilliert als Solal und zeigt ihn in seiner ganzen Ambivalenz - als manipulativen Verführer, als unsterblich Verliebten und besitzergreifenden Beherrscher, aber auch als gebrochenen, einsamen Mann, der trotz seiner Liebe zu Ariane seltsam verloren wirkt. Natalia Vodianova gibt der Figur der Ariane eine große charakterliche Tiefe und porträtiert eine Frau, die bis zur Selbstaufgabe liebt und dabei die Realität völlig ignoriert, obwohl sie weiß, dass diese Liebe nichts als Zerstörung bringt.

Ich kann euch diesen Film nur wärmstens empfehlen. Momentan gibt es ihn nur im englischen bzw. französischen Original, aber ich hoffe, dass er bald auch auf Deutsch erhältlich ist. Die englische Version ist aber sehr gut verständlich - also traut euch ruhig mal an das Original.


Belle du Seigneur
Regie: Glenio Bonder
Erschienen: 19.6.2013
Vertrieb: Océan Films Distribution Int., Paris
Bilderquelle: Mein herzlicher Dank gilt Océan Films Distribution Int., www.ocean-films.com, die mir freundlicherweise alle o.g. Fotos zur Verfügung gestellt hat.
Mes remerciements chaleureux s'adressent à Océan Films Distribution Int., www.ocean-films.com, qui ont mis les photos ci-dessus à ma disposition.

1. April 2015

Louise Welsh: Tamburlaine muss sterben


Ein kurzes Meisterwerk

Tamburlaine muss sterben von Louise Welsh ist zugleich das ungewöhnlichste und beste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Der Kurzroman lässt sich in kein spezielles Genre packen: Er zeigt viele Facetten eines historischen Romans verknüpft mit politischen und gesellschaftlichen Aspekten, ist aber ebenso ein sehr gelungener atmosphärischer Thriller.

Spannung ohne Atempause

Während andere Autoren mehrere hundert Seiten benötigen, um Spannung zu generieren, schafft es Louise Welsh auf nicht mal 140 Seiten, den Leser in ein mysteriöses Labyrinth aus Verrat und Rache, Folter, Ketzerei, schwarze Magie und politischen Verstrickungen zu locken und lässt ihm dabei bis zum Ende keine Atempause.

Mysteriöse Hetzjagd auf einen umstrittenen Dramatiker

Die Geschichte spielt im elisabethanischen London im Jahre 1593. In der Stadt wütet die Pest, und Christopher Marlowe, Enfant Terrible unter den Dramatikern und Dichtern seiner Zeit, flüchtet zum Landsitz seines wohlhabenden Gönners, Thomas Walsingham. Doch sein ungestörtes Schreiben in der ländlichen Idylle findet ein jähes Ende, als er verhaftet und zum Verhör vor den Kronrat nach London gebracht wird. Man beschuldigt ihn, ein Ketzer und Atheist und darüber hinaus Autor eines fremdenfeindlichen Pamphlets zu sein, das an der holländischen Kirche angebracht wurde. Dieses Pamphlet, in dem die Fremden in der Stadt, die unter dem besonderen Schutz der englischen Königin stehen, mit dem Tode bedroht werden, wurde mit Tamburlaine unterzeichnet. Alle Spuren führen zu Marlowe, denn Tamburlaine ist die brutale und skrupellose Hauptfigur seines umstrittenen gleichlautenden Dramas, ein primitiver skythischer Hirte, der zum König aufsteigt und dabei über Leichen geht.

Fieberhafte Suche nach Tamburlaine

Nachdem der Kronrat Marlowe bis zum Abschluss der Untersuchungen wieder auf freien Fuß gesetzt hat, versucht dieser fieberhaft, dem Initatior der gegen ihn gerichteten Verschwörung und dem geheimnisvollen Verfasser des Pamphlets auf die Spur zu kommen. Marlowe besticht den Kerkermeister und erfährt, dass man seinen Freund, Bühnenautor Thomas Kyd, unter Folter dazu gebracht hat, ihn als Ketzer und Atheisten zu verleugnen. Doch damit ist das Rätsel um Tamburlaine noch lange nicht gelöst, und Marlowe läuft die Zeit davon. Ihm droht die Todestrafe, wenn er nicht herausfindet, wer hinter Tamburlaine steckt und seine Vernichtung will. Zu spät erkennt Marlowe, dass er den Falschen vertraut hat...

Schillernder Protagonist: Dramatiker, Abenteurer und Spion Christopher Marlowe

Louise Welsh hat den englischen Dramatiker und Dichter Christopher Marlowe (1564 - 1593) zum Protagonisten ihres Romans auserkoren und um die wenigen Fakten, die von diesem schillernden Freigeist, Abenteurer und Spion überliefert sind, eine außergewöhnliche fiktive Geschichte konzipiert, die ihresgleichen sucht. Die schottische Schriftstellerin ist für mich eine Sprachvirtuosin, denn sie beherrscht die Kunst, dem Leser vor allem durch ihre ausgefeilte Sprache das Gefühl zu vermitteln, ins elisabethanische Zeitalter einzutauchen, und dies ist ein wirkliches Erlebnis.

Louise Welsh: Sprachvirtuosin ersten Ranges

Louise Welsh wurde 1965 in Glasgow/Schottland geboren und studierte Geschichte an der University of Glasgow.  Nach ihrem Abschluss eröffnete sie zunächst einen Second-Hand-Buchladen in Glasgow, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie hat bisher sechs Romane veröffentlicht, der Durchbruch gelang ihr 2002 mit "Dunkelkammer" ("The Cutting Room"). Welshs spannenden Thriller Das Alphabet der Knochen werde ich euch zu einem späteren Zeitpunkt auch noch vorstellen. Darüber hinaus hat sie viele Kurzgeschichten und Artikel geschrieben und sogar ein Libretto für eine Oper verfasst.

Weitere Informationen über Louise Welsh findet ihr auf ihrer Website www.louisewelsh.com.

Originalausgabe: Welsh, Louise. Tamburlaine must die. Edinburgh: Canongate Books Ltd., 2004.
Deutsche Ausgabe: Welsh, Louise. Tamburlaine muss sterben. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. München: Verlag Antje Kunstmann, 2005.
Bildquelle: www.kunstmann.de